Gela Samsonidse

Bilder

22.6.-3.8.2003


ohne Titel


Ein Gespräch mit Gela Samsonidse

Gela Samsonidse wurde am 7. Dezember 1965 in einem Dorf ca. 120 km westlich von Tiflis geboren. Im Herbst 1990 begann er in Tiflis das Studium an der Akademie der Bildenden Künste und schloss es mit dem Diplom im Frühjahr 1995 ab. Seit Herbst 1994 lebt er bei Freiburg im Breisgau.

Es sind im Wesentlichen drei Fragen, die ich ihm in diesem Gespräch gestellt habe: Gab es schon vorher oder während des Studiums eine dezidierte Entscheidung zugunsten eines Festhaltens am "klassischen" Medium der Bildenden Kunst (Tafelbild/Ölmalerei)? - Wie verhält es sich mit dieser Grundsatzentscheidung seit seiner Übersiedlung nach Mitteleuropa? Und schließlich: Welche Veränderungen und Entwicklungen sind seither in seiner Malerei zu beobachten?

Die Situation an den Akademien der ehemaligen Sowjetunion, egal ob in Novosibirsk oder Alma-Ata, in Riga, in Minsk oder Tiflis, hat sich spätestens seit den achtziger Jahren grundsätzlich kaum noch von derjenigen an den westeuropäischen Akademien unterschieden. Neben der klassischen Ausbildung (Akt-Zeichnen etc.) arbeiten Installateure, Video-Künstler, Konzept-Künstler und klassische Maler oft ohne Berührung nebeneinander her. Für Gela Samsonidse war die Entscheidung zugunsten traditioneller Medien lange vor der Akademiezeit gefallen; sie stand auch während des Studiums niemals in Frage.

Im Anschluss an seine Übersiedlung nach Mitteleuropa, wo eine Infragestellung klassischer Medien schon seit über vierzig Jahren periodisch noch weiter geht als im Osten, sah Samsonidse keinen Anlass, seine Grundsatzentscheidung zu revidieren, umso weniger, als er hier bald Verbündete entdeckt hat, die ihn in seiner eigenen Position bestärkten. Die Werke der Maler Kurt Kocherscheidt und Artur Stoll bekamen in diesem Zusammenhang für Samsonidse besonderes Gewicht.

Nun zu einer vergleichenden Betrachtung der seit 1994 in Freiburg entstandenen Bilder: Im ersten Jahr stehen die formalen Veränderungen noch im Vordergrund (im Sinne einer fortschreitenden Abstraktion), dann aber gewinnt das koloristische Element größere Bedeutung. Was sich auf diesem Feld zwischen den Jahren 1995/96 und 1998 abspielt, ist erheblich. Nun ist es bekanntlich sehr schwer, wenn nicht eigentlich unmöglich, Farben zu beschreiben, erst recht Farbklänge. Gleichwohl springen die Unterschiede buchstäblich ins Auge. Ich bediene mich einer meteorologischen Metapher: Während die früheren Bilder eine geradezu schwüle Atmosphäre ausstrahlen, ereignet sich in den letzten zwei bis drei Jahren eine Entwicklung in einer für mich geradezu befreienden Weise hin zur reinen Höhenluft. Dies sind Vorgänge jenseits formaler Details, die aber für den Gesamteindruck von diesen Bildern von absolut grundlegender Bedeutung sind, weil eben nicht nur diese Bilder, sondern alle ernstzunehmenden Bilder nicht ausschließlich durch ihre formalen Eigenschaften und Kriterien bestimmt werden in ihrer Wirkung auf den Betrachter.

Eine quasi meteorologische Metapher halte ich für ein besonders einleuchtendes Beispiel für die Begründung der Legitimität der Malerei insofern, als hier die Unmöglichkeit der sprachlichen Übersetzung eines Phänomens der Anschauung besonders erfahrbar wird. Mit anderen Worten: Der Rückgriff auf die Metapher, in diesem Falle also diese saloppe meteorologische Metapher von der "dampfenden Schwüle" oder der "dumpfen Schwüle" einerseits und ihrer Weiterentwicklung zur "reinen Höhenluft" andererseits, das ist eine Methaper, die angesichts des Vergleichs dieser Bilder ganz elementar anschaulich erfahrbar wird, besser als das jede verbale Erklärung zu tun imstande wäre.

Es ist tatsächlich so, dass dieser quasi meteorologische Vorgang, der ja auch mit Temperaturempfindung aufs Engste zu tun hat, rein anschaulich visuell erfahrbar wird durch den Vergleich auf rein koloristischem Gebiet dieser Bilder untereinander und durch die Schilderung der Richtung, die diese koloristische Entwicklung in den sechs Jahren genommen hat. Und das halte ich für eine eindrucksvolle Demonstration für die Legitimität des Festhaltens an der reinen Malerei, weil solche Erfahrungen wirklich nur mit rein malerischen, in diesem Falle koloristischen Mitteln, jenseits formaler Details möglich wird.


Freiburg im Breisgau 2001
Franz Armin Morat