Bernhard Strauss

unter null

11.1. - 15.2.2004


 

Einführung zur Eröffnung am 11. 01. 2004
 
Bernhard Strauss reist sehr viel. Es gibt kaum ein Land dieser Erde, in dem er noch nicht gewesen ist. Zurück bringt er Beobachtungen, Differenzen, Eindrücke, Farben, Gerüche, Herausforderungen, Imaginationen, Kulturvergleiche, Licht und sofort, mehrere Alphabete voll, festgehalten in Fotos aus fernen Ländern, meist farbig, manchmal auch in dem, was man schwarz/weiß nennt und was doch eher ein Grau in allen Farbschattierungen ist.
 
Aber er ist kein Baedecker, der die Sehenswürdigkeiten festhält, kein Dehio oder Hirmer (hier wären noch eine Reihe einschlägiger Namen zu nennen), der das kunsthistorische Welterbe dokumentiert, kein Spiegelhalter, der die letzte unentdeckte Landschaft gewissermaßen fotographisch entjungfert, er ist auch kein Nachfahre jener Fotographen, die für "Life", "Magnum" etc. im Gesicht des Fremden die Seele eines ganzen Kontinents entschlüsseln zu können glaubten.Er ist nämlich kein Ethnograph. Seine Bilder erzählen nichts, - keine Geschichten, keine dramatischen Konfrontationen, keine suggestiven Balladen, sie dokumentieren nicht andere kulturelle Verhaltensweisen, Volksgebräuche, religiöse Zeremonien, nicht einmal exotische Kleidung, Frisuren, fremdes Marktgeschehen. Sie wollen für nichts Berichtenswertes einstehen, es photographisch beglaubigen. Sie sind nicht hitzig aufgeladen, sondern - der von Bernhard Strauss selbst gewählte Titel deutet daraufhin - "unter null", unterkühlt, frostklar.
 
Die meisten der hier gezeigten Fotoarbeiten stammen aus Nepal (vor allem Katmandu) , ein kleinerer Teil aus Sardegna, zwei (Wüsten-)Fotos kommen aus der Gegend um Jerez, also der Südwest-Ecke Spaniens. Dies sind die Orte dieser Belichtungen, Auslöser einer photographischen Arbeit, die lange zuvor beginnt und viel später mit einzeln bearbeiteten kleinsten Auflagen endet. Seine Bildausschnitte sind keine Konzentrationen auf wichtige Bildinformationen als der wesentlichsten Bedeutungsebene, sondern folgen künstlerischen Gesichtspunkten. Es sind Artefakte mit den Mitteln der Photographie, Bilder - nicht Fotos und deshalb in eher klassischen Maßen formaler Anordnungen: geometrischen Mustern und ihrer Gewichtung im Bildraum, Farbwerten und Farbkontrasten, graphischen Strukturen, die gegeneinandergesetzt werden.
 
Durch die Anordnung der Bilder in dieser Ausstellung zu einem teilweise zweireihigen Fries werden Querverweise geboten, die den Blick für das einzelne Bild schärfen: sie ergeben keine inhaltlichen Sequenzen, sondern reagieren auf gestalterische Elemente, das heißt aber auch: sie weisen auf Wesentliches. Zum Beispiel diese eine, nur gering - aber entscheidend gering platzierte schräge Linie in deutlich horizontal und vertikal vermessenen Flächen. Oder Kreis gegen Gerade, Blau gegen Rot bis hin zur Verschmelzung (einerseits in der lila Gewandstudie des einzigen Portraits - der nepalesischen Hotelwirtin, andererseits im Schneebild mit seiner Auflösung von Farbe im farbigen Grau). Nichts mehr, als was unbedingt nötig ist, keinerlei Ablenkungen, kein Blendwerk. Diese Reduktion der Mittel geht so weit, daß neben blau und rot andere Farben kaum vorkommen, nur noch ein meist schmutziges beige-ocker-gelb, Farbwerte, die für vertrocknete Erde, verdorrte Pflanzenreste, abblätternden Putz stehen. Aber diese Grundelemente, aus denen sich ein Bild auf so unspektakuläre Weise aufbaut, sind mit einer so spektakulär perfekten Technik dargeboten, daß erst jetzt eine genauere Lektüre beginnt.
 
Bernhard Strauss interessiert sich für die Oberfläche der Dinge, aber nicht für ihren Schein, ihre Ausstrahlung, ihre Aura, sondern für ihre haptische Beschaffenheit, ihre schmutzigen Gebrauchsspuren, Sand, Geröll, zerbröseltes Gestein, den kargen abgetrotzten Bewuchs. Er sieht die schmutzigen Kacheln mit den Resten roter Farbe, mit der eine heilige Elefantenfigur opfernd beworfen wurde, er sieht die völlig verbaute Rückseite der sardischen Kirche, er sieht die leere Nische für die Heiligenfigur im vielfältig übermalten und mit Rissen übersäten Gemäuer. Das heißt: seine Bilder erzählen keine Geschichten, aber sie geben viel zu lesen.
 
Und sie bedürfen dieser genauen Lektüre, denn der erste Eindruck kann trügen. Wie die Oberfläche will auch die Bedeutung von Gegenständen oder Geschehen erst durch die Wahrnehmung der Details erschlossen werden: da ist der Hund, der Blut vom Boden aufschleckt, anscheinend ein Bild bösester Aggression. Der vertikal überlang gestreckte Kopf endet aber in einer friedlich schnüffelnden Schnauze neben einem Blutfleck, der augenscheinlich nicht auf die Bissigkeit des Hundes zurückgeht, auch nicht auf ein böses Gemetzel, sondern auf ein präzises Opfer- oder Schlachtritual mit einer unaufgeregten Tropfspur. Aber von diesem Akt der Opferung ist nicht mehr zu sehen, als eine Restspur und dem Anteil, den ein weißer Hund daran nimmt. Die Friedlichkeit, geradezu Ruhe, die dieser Hund ausstrahlt, zeigt sich in der geradezu balettösen Stellung der Pfote von Vorder- und Hinterlauf, - ein Bild, das in seiner genauen Anordnung nach den Regeln des Goldenen Schnittes, seinem Farbdreiklang und den Kontrasten seiner Flächenstruktur geradezu das Gegenteil eines "Schnappschusses", nämlich eine in allen Dimensionen bewußt gestaltete, und das heißt: künstlerische Komposition darstellt.
 
Bilder erklären sich nicht selbst. Sie müssen gelesen werden und offenbaren sich erst in diesem Akt sorgfältiger Aneignung, aber sie entschlüsseln sich nicht. Ein Blick ins Treppenhaus des Hotels zeigt mit dem Licht spiegelnden Holzgeländer, dem an der anderen Seite Licht spendenden Wandeinschnitt, den Lichtbrechungen und Schattenwürfen zunächst einen interessanten Rahmen. Das Poster, das den leeren Raum füllt, zeigt ein typisches Werbeplakat mit einer Nepal-Ansicht von Klostergebäuden vor den Spitzen des Himalaya, wie sie vermutlich kaum noch irgendwo darstellbar ist, also eine Kitsch-Idylle. Das heißt, hier wird in einem aufwendigen Bildrahmen gerade das inszeniert, was nicht sein Thema ist, und zum Thema dieses einen Bildes gemacht, also eine Negation. Als romantisches Poster könnte es aber auch an jedem Ort der Welt aufgehängt sein. Im Fries direkt darunter eine Blick in einen Ort der Heiligenverehrung, ähnlich gerahmt, hier durch ein Vordach, seitlich eine Schattenmauer, gegenüberliegend einen kleinen Mauervorsprung. Ein Ort des authentischen Nepal also, aber von den einstmals vorhandenen Heiligenfiguren kaum noch wahrnehmbare Reste, das Rot der Opferfarbe halb weggewaschen, einzig eine Glocke (übrigens dupliziert durch den Schatten, den sie wirft) deutet darauf hin, daß dieser Ort noch religiöse Bedeutung haben könnte, - aber welche? Nepal verändert sich - wohin? Jedenfalls anders als die Touristen sich das vorstellen, die der Chimäre eines Werbeplakates nachjagen.
 
Die Menschen in Nepal, jedenfalls soweit sie Bernhard Strauss gesehen hat, wirken nicht sehr entspannt. Manche haben Angst. Sie sind auf der Flucht. Wer oder was sie bedroht, ist nicht zu erkennen. Sie rennen weg. die Bäuerin mit der Hacke in der Hand, Halbwüchsige. Straßenszenen zeigen die Menschen isoliert, sich beobachtend, eher mißtrauisch. Oder selbstversunken, wie eine Frau den Kopfputz ordnet, vor sich die Wollknäuel. Kinder lachen, wie sich ein Dreikäsehoch hinter einem Stück Papier unsichtbar machen will. Idylle will nicht aufkommen.
 
Die sardische Welt von Bernhard Strauss zeigt zunehmende Wüstung. Dem großen Stadtpanorama wird jede Bedeutung genommen durch die sinnlose Verbauung, mit der häßliche Straßenbeleuchtungen mit horizontalen Neonröhren die Silhouette verdecken, der großen Kathedrale sogar die Türme wegschneiden. Die Überwichtigkeit, mit der eine Asphaltstraße und ihre metallische Straßenbegrenzung sich gegenüber einer spärlich besiedelten, durch Rodung längst aus dem Gleichgewicht gebrachten, immerhin noch von einem historisch gewachsenen Verkehrsweg durchzogenen Berglandschaft behauptet, deutet auf eine Maßlosigkeit, die in anderen Bildern längst ein Absurdistan formulieren läßt: Eine menschenleere, gut ausgeleuchtete Meerpromenade, eine Baumpflanzung hinter Schutzmäuerchen in feinst abgezirkelter Ordnung und ein monströser Parkplatz mit geradezu arabesken Reifenspuren im Sand - gigantische, nicht nur finanzielle Fehlinvestitionen, sondern auch Mißverständnisse über das Sozial- und Naturwesen Mensch. Von Menschen ist auf solchen Bildern auch weit und breit nichts zu sehen.
 
Spuren von Menschen, die selbst nicht mehr zu sehen sind. Hinterlassenschaften am unwirtlichen Ort, schwer zu deutende Überreste eines Geschehens, Bedrohungen durch Ungreifbares, nicht Abbildbares - : Bernhard Strauss ist rundheraus ein Künstler, der sich der Abwesenheit als Thema verpflichtet hat, dem "Noch nicht", dem "Nicht mehr", dem Unsichtbaren im Sichtbaren. Er ist kein Photograph, der daran glaubt, die Welt ließe sich l : l photographisch abbilden und erinnern, sondern ein Skeptiker, der auf verborgene Wirklichkeit aufmerksam macht. Er ist ein Künstler, der mit der Photographie das tut, was ein Maler mit Farbe und Stift, was ein Schriftsteller mit Worten, was ein Musiker mit Tönen und Geräuschen unternimmt: eine Welt zu erfinden, um uns unsere Welt verständlicher zu machen.

Volkmar Braunbehrens