Christoph Meckel

Zeichnung und Radierung

29.2. - 4.4.2004




Vernissage am 29. 2. 2004
Begrüßung durch Fritz Kendel, den Vorsitzenden des Emmendinger Kulturkreises

Liebe Gäste, liebe Freunde, lieber Herr Meckel,
ich freue mich sehr, dass Sie heute zur Eröffnung unserer Ausstellung ins Emmendinger Stadttor gekommen sind. Von Ihnen, Herr Meckel, habe ich erfahren dass Sie zu diesem historischen Gebäude eine besondere Beziehung haben, ihr Großvater, berühmter Freiburger Architekt, hat ihm in den zwanziger Jahren seine heutige barockisierende Gestalt mit der zweiten Durchfahrt gegeben. In einem Ihrer Bücher habe ich gelesen, dass er sogar die Ochsenblutfarbe erfunden hat, in die es getaucht ist.

Wir haben zu dieser Ausstellung den Zeichner und Radierer Christoph Meckel eingeladen. Wie Sie wissen, gibt es noch einen zweiten; den Dichter und Schriftsteller Das Verhältnis der beiden wird in dem Buch "Bericht über die Entstehung einer Weltkomödie? als ambivalent beschrieben: "Der eine ist der Freund und Gegenspieler des anderen".

Wie Sie sehen, spielen in den "Manuskriptbildern" an den Wänden dieses Raumes die beiden eher zusammen. Vielleicht sagt der Dichter zum Zeichner "ich bin müde vom Hintereinandersetzen von Wörtern, nimm Du jetzt das Blatt und zeichne etwas darauf, das man auf einmal überblicken kann". Der Zeichner nimmt das Angebot unter der Bedingung an, dass der Betrachter die Schrift nicht mehr zu entziffern braucht, sondern sie einfach als integralen Bestandteil des Bildes stehen lässt. So kommen diese handgeschriebenen Texte in der Architektur sorgfältig gezeichneter Räume zur Ruhe. Manchmal gewinnen Sie Halt an einer vertikal ins Bild gesetzten Mittelachse. Manchmal verschwinden sie fast in dunkelvioletten schraffierten Tiefen. Manchmal öffnen sich über ihnen oder neben ihnen leise fächerartige Gebilde, oder Pflanzliches beginnt zu knospen.

In dem anschließenden kleinen Kabinett empfängt uns das Geschnatter fröhlicher Gelbschnäbel. Hier gibt es keine dunklen Tiefen, nur Zeiger, die in unbestimmte Richtungen weisen. Leuchtende Kreise, aufsteigende Blütengirlanden, feingerippe Blätter, Trapeze. Vegetative und technische Formen finden einen Ausgleich. Am unteren Rand eines dieser Bilder lesen wir den Vermerk: "Der Zeichner hatte Lust, diese Zeichnung zu machen, sonst nichts. Nichts? Nichts. Der Zeichner besteht darauf, dass ihm keiner hineinredet. Auch der Dichter nicht, der Freund und Gegenspieler. Die Zeichnungen tragen keine Titel, nur die Daten ihrer Entstehung Sie sind Lebenszeichen, fast wie die Blätter eines Tagebuchs.

Ganz anders ist das oben im Turmzimmer. Hier treten wir in den Umkreis der Weltkomödie ein, jener ungeheuren Zyklen von Radierungen, die auf die Wirklichkeit unserer Zeit antworten und sich gleichzeitig gegen sie stellen. Hier tragen die Bilder Titel, Diptychon links und rechts mit den seiltanzenden Antipoden, sie und er, kopfüber, kopfunter. Da ist der Schläfer Moél mit seinem lachenden Fisch vom ersten Anfang der Weltkomödie. Da wird den Spielern Balsam gespendet. Da speit der Gaukler Feuer, aus dem ein Vogel fliegt. Da schwebt die vollkommene Form, die Rundform, über festem Grund, Und daneben zerstäubt ein Ensemble heterogener Teilchen.

Ich bitte nun Christoph Meckel, den Dichter, den Zeichner zu uns zu sprechen.

Fritz Kendel


Ansprache bei der Vernissage
in der Galerie im Tor in Emmendingen, am 29.Februar 2004

Mit großem Vergnügen möchte ich für diese Ausstellung danken, ich habe sie heute Morgen zum ersten Mal gesehen. Herr Kendel und seine Entourage haben das ganz wunderbar gemacht. Man kann diese kleinen Räume mit Bildern überstopfen, so dass man nichts mehr sieht. Hier ist jedes Bild einzeln wahrnehmbar. Sie kennen vielleicht den „Schlesischen Schwan“ Friederike Kempner. Das war eine unfreiwillig komische Poetessa. Sie hat in einem kuriosen Gedicht die Natur als „geräumig und gediegen“ bezeichnet. Diese Eigenschaften sind hier tatsächlich der Fall. In diesen kleinen Räumen ist eine geräumige und gediegene, helle Ausstellung zustandegekommen.

Im ersten Raum hängen Manuskriptbilder. Sie entstehen dadurch, dass der Verfasser von Lyrik und Prosa Papiere hat, auf die er seine ersten Versuche notiert. Wenn dann vielleicht nach hundert Fassungen oder drei Jahren ein Text fertig ist, werden diese Papiere weggeworfen – im Gegensatz zu den Papieren der Bildenden Kunst, wo jeder Entwurf einen eigenen Wert darstellt. Denken Sie an die vielen Entwürfe, die Picasso zu „Guernica“ gemacht hat. Da ist jedes Bild, auch die geringste Skizze, ein eigener Wert und wird aufgehoben. In der Literatur ist der Entwurf überflüssig, er wird weggeworfen, weil die endgültige Form alle vorausgegangenen Formen erübrigt. Einmal entdeckte ich die vielen beschrifteten Papiere, die flüchtigen Zeilen und Zeichen als etwas Organisches, also Kostbares, und fing an, auf ihnen zu zeichnen und zu malen. Aus Schrift und Wort, aus Zeichnung und Farbe entstand ein Doppelgeschehen auf dem Papier. Unter der Übermalung sind Wörter und Satzteile sichtbar, die wie Palimpseste erscheinen. Es geht nicht darum, dass hier Inhalte mitgeteilt werden. Die Handschrift selbst ist ein Motiv, die gleichsam zugrundegelegte Ästhetik des Bildes. Ich mache diese Sachen seit vielen Jahren. Es sind wohl zweihundert, zweihundertfünfzig Manuskriptbilder entstanden.

Im Raum nebenan hängen Zeichnungen. Man bezeichnet sie am besten als „Mischtechniken“. Sie entstehen auf ganz verschiedenen Papieren. Oft ist die Voraussetzung für die Farbe das Papier selbst. Es gibt sehr viele Tönungen von Weiß. Der barocke Dichter BROCKES – er konnte sehen und unterscheiden, bei literarischen Leuten ist das nicht immer der Fall - hat vom „übergelben Weiߓ gesprochen. Wenn man ein graugetöntes Weiß hat, kann man ein anderes Weiß draufsetzen. Das habe ich immer wieder getan. Ich habe auf verschiedenes Papier die Acrylfarbe TITANWEISS draufgemalt. Es sind Mischtechniken, die zustandekommen mit Bleistift, Farbstift, lasierend dünn gestrichener Ölfarbe, aus Ölkreide und aus Lack. Der Lack ist nicht schwarz und nicht braun. Er ist die dunkelste Nuance von Braun, so dass ein warmes, atmendes, fast schwarzes Braun zustandekommt.

Im Turm oben hängen Radierungen. Radierung ist Tiefdruck. Tiefdruck heißt, dass die Kupferdruckfarbe in die geätzte Zinkblech- oder Kupferplatte hineinkommt. Hochdruck, das ist der Holzschnitt, die Lithografie. Da wird die Farbe auf „erhabene“ Teile – so ist das Fachwort – mit der Walze aufgetragen. Die Zinkblechplatte – mein liebstes Material – wird mit Lack abgedeckt. Aus dem Lack wird mit spitzer harter Feder ein Lineament, eine Fläche aus Strichen herausgekratzt. In die herausgekratzten Teile kommt die Säure, und danach die Farbe. Die Farbe wird von der Platte mit einem Lappen abgetragen, zuletzt mit dem Handballen weggewischt. Radierung ist die subtilste grafische Technik, die es gibt. Sie war ursprünglich, wie vor allem die Lithografie, eine Technik der Vervielfältigung, also der Mitteilung. Heute spielt das keine Rolle mehr, meine Auflagen sind sehr klein, immer kleiner geworden, weil ich nicht mehr selbst meine Auflagen drucke. Ich gebe sie in eine Druckerei, mit dem Werkstattmeister zusammen mache ich die Drucke, vor allem die Probedrucke, sie sind entscheidend. Der Kupferdruck ist so teuer geworden – die Arbeitszeit, das gute Papier - dass nur noch Auflagen von fünf bis sieben Exemplaren möglich sind.

Die Radierung ist, wie gesagt, die subtilste Technik in den grafischen Künsten. Jede der zahlreichen Phasen ihrer Herstellung muss meisterhaft gehandhabt werden. Sonst taugt die ganze Sache nichts. Wenn die Platte an Kanten und Ecken nicht sorgfältig abgeschmirgelt wurde, reißt man die Hand auf und riskiert eine Blutvergiftung. Die stehengelassene Kante zerschneidet das feuchte Papier, das auf die eingefärbte Platte gelegt wird. Über Papier und Platte geht mit schwerem Druck eine Walze, der Druck der Walze zieht die Farbe aus den Vertiefungen im Zinkblech. Wenn das Papier nicht auf richtige Weise durchfeuchtet ist, kommt ein schlechter Druck oder überhaupt keiner zustande. Ist die Ofenplatte, auf der Farbe in die Vertiefungen gegeben wird, zu heiß, verflüssigt sich die Farbe, sie beginnt zu verdampfen. Hier kann nur angedeutet werden, worum es geht. Im Weiteren will ich zu meinen Sachen nichts sagen, das ist sicher besser. Ich danke Ihnen, dass Sie gekommen sind.

Christoph Meckel

 

Zur Biographie des Zeichners

Geboren 1935, Kindheit in Berlin, Erfurt und Freiburg, Zeichnungen seit Ende des Krieges. Realgymnasium bis Unterprima, danach zwei Semester Kunstakademie Freiburg, in der Zeichenklasse bei Rudolf Dischinger, der hart und herzlich auf Arbeit bestand, womit Erkenntnis, Wissen und Sitzkraft gemeint war. Ein halbes Semester bei Richard Seewald in München, drei Tage an der Kunstakademie in Berlin, Die grafischen Techniken brachte ich mir selber bei. Ab 1956 freiberuflich in München, Berlin, Paris, Rom und Oetlingen (Baden). Ab 1965 in Frankreich, Florenz, Toskana und USA, Reisen (was immer das heißt) in Europa, Afrika, Mexiko, Australien, Neuseeland, Israel, Polen, Sowjetunion, Brasilien etc, Wohnung in Berlin.

Seit 1954 Radierungen, Lithografien und Zeichnungen, schwarzweiß, 1958 Beginn einer WELTKOMÖDIE, die inzwischen tausend Radierungen umfasst (Zyklen.. Serien, Triptychen) mit dem Zentrum der MEER- UND WANDERZYKLEN (Das Meer, Anabasis, Die Argonauten, Der Strom, Passage, Limbo und Arc de Triomphe). Die publizierten Zyklen sind vergriffen (Moél, Der Turm, Das Meer, Die Stadt, Der Krieg und Welttheater). Illustrationen zu Brecht, Voltaire und zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Ab 1961 Holzschnitte. Ab 1963 farbige Zeichnungen, gezeichnete Bildmappen, Serien, Doodles, Miniaturen und Bilder (Buntstift, Farbkreide. Mischtechnik, Öl auf Papier). Bibliophile Drucke und Bilderbücher. 1983 Publikation des Zyklus Anabasis (88 Radierungen, bei Hanser).

Ich wurde geboren in einer Juninacht, während großer Gewitterstürme über Berlin, an dieser Tatsache hat sich nicht viel geändert. Das Recht, nicht geboren zu werden, ist vertan - wie die Chance, in Bildern und Büchern zur Welt zu kommen. Als Spielfigur zu leben im, Heidelbeerwald, das hätte, nach meiner Meinung, ausgereicht. Von einem Storch im Spankorb gebracht zu werden (vor allem, wenn der Korb nach Kirschblut riecht) oder ausgesetzt und im Schilf gefunden zu werden, das wäre sympathischer oder gerechter gewesen. So bleibt es dabei, daß der Mensch geboren wurde, und es ist bezeichnend, daß man Eltern hat. Man kam zu früh in die Schule, verließ sie zu spät und geriet als Krebsreiter in die Biographie (in etwas Absurderes konnte man nicht geraten), Ohne sie auszukommen erschien nicht mehr möglich, und man hat die Zeit als das Maß aller Dinge erkannt. Aber die Biografie hat hundert Räume, und während sich andere in ihr zu schaffen machen (Fachleute, Frauen und falsche Vögel), hat man sie unbemerkt, ohne Abschied verlassen. Man ließ in ihr zurück., was die anderen brauchen, Namen, Daten, Berufe, Charakterfehler und wohnt woanders, in einer offenen Behausung, mit der Aussicht auf unverbrauchte Papiere und Farben. Gedichte und Bücher ließen sich nicht vermeiden, und die Vergangenheit lässt zu wünschen übrig. Daß man seinen Verstand beisammen hielt, keinen Mord beging, nicht für immer in Mexiko blieb, kann als Verdienst oder Dummheit betrachtet werden. Man hat sich in Hoffnung, Gelächter und Farbe verliebt - da war es auf einmal zu spät für Sankt Nimmerlein.

Die Öffentlichkeit soweit sie vorhanden war, ließ sich mit Grafik und Literatur betrügen. In ihrem Schutz blieb die Zeichnung außer Sicht. Der Vergleich mit Sprache wirkte sich vorteilhaft aus - ich blieb mit der Farbe glücklich im Hintergrund. Sie machte sich ein paar Freunde, das war genug. Eine herrliche Freistatt, mein Privatbesitz, der für alle, außer für mich, separat erschien, in zwanzig Jahren entstand ein Schrank voller Bilder, ein eigener Zusammenhang und aus ihm ein Werk. Das Wort scheint unerlässlich und steht im Weg. Es hat den Charakter eines Firmenstempels, und wird von mir in Ausnahmefällen gebraucht.

Daß ich zeichnen konnte, stand für mich fest, nachdem ich an Aquarellen gescheitert war, im Verlauf eines Sommers, im Süden von Korsika. Ich war kein Maler, musste kein Maler sein. Ehrgeiz war nichts, was zur Verfügung stand, ich habe aus Freude mit Farben zeichnen gelernt, aus Verschwendung von Tagtraum, Zeit und Beschwörung des Lichts, aus Übermut, Neugier und ohne Öffentlichkeit. Die Bilder waren für mich selber gut. Mit Ihnen ließ sich alles überwinden, was Kunst zu Geschäft oder fälschlich geräuschvoll macht; Diskussion, Gerede, Befragung und Produktion. Dann lagen die Blätter da, in sorglosen Haufen, ich musste was für sie tun, sie wollten ans Licht. Der Privatbesitz schlug mir feine Verwertung vor - ich lehnte ab, diese Freiheit brauch/es ich nicht. Ich brauchte die Freiheit in der Farbe drin, und mehr denn je von Begriff und Tendenz entfernt, Zeichnen, malen, in der Farbe leben, vielleicht aus dem Wunsch, an die eigene Geburt zu glauben, und den Tod auf andere Art für unmöglich zu halten.

Christoph Meckel

 
Christoph Meckel, 1935 in Berlin geboren, hat früh seine Doppelbegabung unter Beweis gestellt. Seit Mitte der fünfziger Jahre hat er sich mit Radierungen, Lithografien und Zeichnungen befasst Später kamen weitere Techniken hinzu: Holzschnitt Mischtechniken u.a. 1958 hat er mit dem grafischen Riesenzyklus der WELTKOMÖDIE begonnen; die Zahl der Blätter hat schon längst die Tausendermarke überschritten.

Nach eigener Aussage hat Christoph Meckel von Anfang an Grafik und Literatur gleichzeitig gemacht. Beide Ausdrucksformen standen und stehen gleichrangig nebeneinander. Meckel pflegt einen harten Trennungsstrich zwischen ihnen zu ziehen, dennoch kommt es häufig zu Kombinationen wie in dem Band "Komm in das Haus" und zu Überlagerungen wie in den Manuskriptbildern, in denen auf einen handschriftlichen Text eine Zeichnung gelegt ist wie in einem Palimpsest. Jedoch wird man bei diesen Manuskriptbildern doch eine Dominanz der Grafik feststellen, da bei den Texten weniger die - nur mit Mühe lesbaren - Formulierungen wirken, mehr dagegen das Schrift-Bild.

Bei aller Anerkennung, die sie gefunden haben, stehen Christoph Meckels Arbeiten seit jeher etwas quer zu den Erwartungen und Vorgaben des zünftigen Kunst- und Literaturbetriebs. Eine eigene Stellungnahme dazu: "In der Bildenden Kunst war für mich kein Stehplatz frei, mein Bild existierte nicht in diesem Haus. Der Kunsthandel gähnte, der Kritiker war nicht da. Ich begriff mein Nichtvorhandensein als Chance - der Weiße Rabe bewegt sich vogelfrei." Auch in der Lyrik ist Meckel immer seine eigenen Wege gegangen; so hat er sich nicht an das gängige Reimverbot gehalten und sogar mit so traditionellen Formen wie Sonett und Ballade experimentiert, freilich auf eine sehr eigenwillige Weise,

Christoph Meckels biographischer Bezug zu Südbaden ist von ihm selbst mehrfach skizziert worden. Sein Großvater war ein bekannter Freiburger Architekt; sein Vater, der Schriftsteller und Kulturjournalist Eberhard Meckel, hat mit der Familie viele Jahre in Freiburg gelebt und gearbeitet. Dass dies für den Sohn keine ungetrübten Zeiten waren, zeigen die beiden "Suchbilder", schmale Bücher, im Abstand von etwa zwanzig Jahren erschienen, in denen sich Christoph Meckel kritisch mit der Lebens- und Denkwelt seiner Eltern auseinandersetzt. In Emmendingen wird Christoph Meckel Manuskriptbilder, Zeichnungen und Radierungen zeigen. In der Stadtbücherei wird er am Mittwoch 24. März, um 20 Uhr aus seinen literarischen Werken lesen.

Gisela Grote-Meßmer

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