Guido Kucznierz

MALEREI AUF GLAS
ZEICHNUNGEN

25.4. - 23.5.2004


 


Es ist nicht einfach, angesichts der Arbeiten von Guido Kucznierz rational abwägend zu bleiben. Der Studierende an der Karlsruher Akademie ging einmal von Peter Herkenrath zu Wilhelm Loth, - was wohl erstaunen mag - von der Malerei zur Plastik. Das ist lange her, aber diese Information taucht dann doch wieder aus dem Gedächtnis auf. Frühe Zeichnungen, aus den sechziger Jahren, mögen an Loth erinnern, weil es sich bei ihnen um die Darstellung von Torsi handelt, besser allerdings um vergrößerte Gestaltfragmente, bei denen sich das Wuchern von Extremitäten mit der Vorstellung von Verletzbarkeit verbindet. Diese und die dann folgenden Gebilde waren und sind beredt, - in weit mehr als liebenswürdigem Sinne verspielt. Letztlich waren sie schon anfangs keine Studien nach irgend einer gesehenen Wirklichkeit, sondern abgelöst, vor allem vom Porträthaften. Das Gesicht interessierte Guido Kucznierz an der Physiognomie wohl kaum. Die Geste drückte sich dafür um so vernehmbarer aus. Die geriet nicht in die völlige Gegenstandslosigkeit, aber sie setzte die Phantasie des Betrachters in Aktion. Sie regte etwas an. Wenn zugleich mit solchen Gestaltereignissen Begriffe fielen, entstanden Anklänge, die bald als Schwarmgeister ein Eigenleben entfachten.
 
Über seine Gestalten und Gestaltfragmente hat Guido Kucznierz frei verfügt. Sie konnten von ihm ausgeschnitten, geklebt oder gereiht werden. Er ordnete sie, als seien es Comics, allerdings märchenhafter als alle und überall zuvor produzierten.
 
Es war schwer, ihre tatsächliche Dimension nach einer Reproduktion zu bestimmen. Der Übergang zu den großformatigen Bahnen mit Figurationen geschah wie unversehens. Bei ihnen fällt auf, was schon anfangs zu Guido Kucznierz gehört: die Farbigkeit, die inzwischen signalhaft geworden ist. Neben der spontanen Wirkung der Graphik, des unmittelbar Beschreibenden, ist sie entscheidender Bestandteil, wie es sich gerade angesichts des Wegs in das Großformat zeigt.
 
Es scheint, daß in jüngster Zeit an die Stelle der schwebenden, phantastischen Akteure zumeist vertikale Gebilde getreten sind, die sich nicht gerade statisch verhalten aber doch Bodenberührung suchen. Sie tauchten in den schlanken, lang herabhängenden Bahnen auf, und sie haben sich aus ihnen heraus verselbständigt. Es gibt inzwischen eine Fülle von hohen, stabähnlichen Gerätschaften, die zu nichts nütze sind, die manchmal an Indianisches erinnern oder die Standarten sein können. Zusammengestellt, scheinbar labil und doch gemeinsam, repräsentieren sie Stämme oder Vertreter von märchenhaften Clans, die in ihrem bunten Miteinander konsequent jedes Bohren in Richtung psychoanalytischer oder sonst engagierter Engstirnigkeit verletzen müssen, weil sie sich durch ihre schöpferische Lust dem Kategorisieren entziehen. Auch auf dem Boden niedergelegt, weicht der Zauber nicht aus ihnen, weil sie sich behaupten als Sinnzeichen ihres, der Rationalität spottenden Daseins.
 
Inzwischen gibt es „Flugzeugtiere", die eine Weile in solchen Gestängen ausruhend oder sich vorzeigend verweilen und geradezu statuarische Eigenexistenzen wie „Tänzer" und „König", mit denen Guido Kucznierz unversehens so etwas wie Plastiker geworden ist.


Hans-Jürgen Imiela