Peter Hauck

Skulptur und Reliefs

13.6. - 18.7.2004


 


Eröffnungsrede:
 
Es ist mir eine Ehre, heute die Eröffnungsrede von Peter Hauck zu halten denn schließlich ist es auch für mich ein kleines Jubiläum: seit 10 Jahren verfolge ich nun die Kunst und das Leben von Peter Hauck. Ich hatte ein Schlüsselerlebnis 1994 im Georg-Scholz-Haus in Waldkirch, als ich ganz unvermittelt an eine riesige, rote, organisch aufgebrochene monumentale freistehende Plastik hinlief und wie vom Donner gerührt war und einen Entschluss gefasst hatte: diesen Menschen willst Du kennen lernen und seine gesamte Kunst möchtest Du sehen und weiterverfolgen. Hat dann zwar noch ein paar Jahre gedauert, aber ist mir schließlich gelungen und seitdem verfolge ich die künstlerische Entwicklung von Peter Hauck mit Argusaugen.
 
Auch wenn es nicht sein primäres oder bewusstes Interesse ist, so sind diese Arbeiten für mich zutiefst menschlich und anrührend. Ich fühle mich im Kern angesprochen und berührt. Wesentliche Momente menschlichen Seins sehe ich hier aufgespürt und ausgedrückt.
 
Das Komische ist: ich mag diese Arbeiten und teilweise mag ich sie gar nicht, weil sie es mir nicht leicht machen, denn letztlich ertappe ich mich dabei, wie ich nach einer Harmonie suche, vielleicht auch eine eingängige Harmonie oder Ästhetik. Warum muss er es mir und vielleicht anderen Betrachtern so schwer machen? Warum bemalt er eine fragile, natürliche und zart erscheinende Form mit manchmal so fürchterlich knalligen und für mich hässlichen Farben? Und dann auch noch mehrere gleichzeitig?!
 
Es ist typisch Hauck: er macht es sich und dem Betrachter nicht einfach, er mag keine „stimmigen und gefälligen“ Lösungen, er schätzt die Brüche und die Widersprüche, denn die kennt er auch aus dem Leben und mit diesen muss und will er leben. Das Leben eben.
 
Der Begriff Schönheit wird zur Falle: kann man vom äußeren Schein des Schönen auf die Qualität der Werke schließen? Peter Hauck möchte sich nicht zufrieden geben mit dem rein schönen Schein, er will Innenräume sichtbar machen, will Einblicke und Ausblicke gewähren und hinter und durch und zwischen die Form schauen: die Außenform korrespondiert nicht unbedingt mit der Innenform oder nur bedingt, egal ob beim Menschen oder in der Natur.
 
Im Schaffensprozess selbst möchte Peter Hauck nicht schon vorher seine bildnerische Idee im Kopf haben und dann nur noch Ausführender seiner Idee zu sein. Es gibt höchstens eine Stoßrichtung oder eine formale Grundidee. Erst das Suchen und Finden während des Entstehungsprozesses birgt für ihn den Moment der Spannung, des Neuen. Die Realisierung einer schon vorher bestehenden Idee wäre für ihn fast wie eine Totgeburt. Er möchte während der Arbeit etwas erfahren und lernen, Neues entdecken. Diese Mischung aus bewusster und unbewusster Gestaltung macht den Reiz aus. Er lässt sich sozusagen verführen von den entstehenden Momenten und auftauchenden Fragen, lässt auch gerne mal etwas Hässliches stehen, will das aushalten. Es gehört für ihn dazu.
 
Wer Peter Hauck kennt, weiß, dass er sehr nah an und in der Natur lebt und diese mit einer Genauigkeit beobachtet, die ich so noch nicht kannte. Ich versuche, mir immer mal wieder was von diesem spezifischen Blick abzuschauen, einzufangen – und merke, es ist nicht mein Sehen.
 
Er beobachtet Übergänge in der Natur, den Verlauf eines Ackers, die Abgrenzung zur nächsten Fläche, das Wirken eines Waldes aus der Fernsicht und wie sich dieses Sehen verändert durch das nähere Herantreten. Er betrachtet Einschnitte, Durchblicke, Lichtstellen, Oberflächenstrukturen.
 
Seine scharfen Schnitte; Kanten und Kerben im Werk selbst zeugen also nicht unbedingt von Brutalität (was ich z.B. häufig zu hören bekomme von Bekannten, die sich seine Arbeiten anschauen), sondern von einer strengen Genauigkeit in der Beobachtung von formalen Gesetzen und Rhythmen in der Natur. Und diese will er nicht deuten oder interpretieren, sondern abbilden und ihren Gesetzen durch die eigene Arbeit auf die Schliche kommen.
 
Auch die scheinbare Brutalität seines Werkzeugs, - Kettensäge und Winkelschleifer- stellen für ihn eher eine Herausforderung zum sensiblen Umgang mit dem Material dar, mit einem so groben Gerät solche feinen Bearbeitungen vorzunehmen.
 
Zurück zur Landschaft: Er stellt sich z.B. einen Ausschnitt einer Landschaftsimpression vor und wie er diesen Ausschnitt wie mit Händen greift und vor sich hinlegt, ein Landschaftsrelief sozusagen. Dazu können Sie sich die Bodenarbeit hier in der Mitte einmal anschauen.
 
Die Auseinandersetzung mit Landschaft bedeutet für ihn auch die Auseinandersetzung mit geschlossenen und offenen Formen. Er vergleicht das mit dem Bild eines Granatapfels: dieser hat zwar auch eine geschlossene Form und Oberfläche, aber ist in seiner Plastizität durch die vielen Furchen und Wellen und Knicke auf eine Art gebrochen, unterbrochen. Und wie er es nennt: (Zitat): „Von Fläche zu Fläche entsteht dieses geschlossene Etwas“.
 
Seine gesamten Eindrücke vorrangig aus der Natur setzt er dreidimensional um, im Raum und später nochmals auf einer anderen Ebene mit dem ihn umgebenden Raum.
 
Die vollendete Plastik befindet sich nun im Galerie-Raum, den er ebenfalls in sein ganzes skulpturales Denken mit einbezieht. Diese Arbeiten sind extra für die Räume der Galerie entstanden. Peter Hauck hat sich zuerst mit dem hier vorgefundnen Raum auseinandergesetzt und überlegt, was ihm dieser für Möglichkeiten und Beschränkungen bietet.
 
Der Ort zwischen den Fenstern ist für Peter Hauck z.B. wie ein „Nicht-Ausstellungsort“, der gerne übersehen, vergessen oder nicht beachtet wird. Das Nicht-Passen, das Stören und diese wunderbaren Momente des letztlich doch irgendwie Funktionierens!“ reizen ihn.
 
Er will diese scheinbar unbedeutenden Räume bespielen, schauen Sie sich auch die Arbeit vor dem Eingang in dieses Zimmer an oder besuchen Sie die Küche der Galerie. Hier finden Sie übrigens 4 Relief-Skizzen, zwei liegen einfach auf dem Tisch.
 
Das sind Räume, die normalerweise nicht miteinbezogen werden. Peter Hauck misst ihnen Bedeutung zu und holt sie so aus ihrem Schattendasein heraus. Ganz wichtig ist ihm auch hier der genaue und ernstgemeinte Blick, der sich auch mal in ein Fenster lehnend hinter die Skulpturen begibt. Dort kann man z. Bsp. verschiedenfarbige Schatten erkennen, die durch unterschiedliche Farbgebungen in der Innenfläche oder Rückseite entstehen.
 
Ein Blick hinter die Wandarbeiten eröffnet also neue Perspektiven und ein erweitertes Sehen.
 
Eine ganz andere Auseinandersetzung mit Raum findet hier in diesem Raum statt:
Die 3 Eckfiguren in diesem Raum sind ganz deutlich aufeinander bezogen und sollen sich gleichzeitig ganz deutlich in ihrer Raumbezogenheit voneinander abheben: die Figur in der rechten Ecke bewegt sich hin zur Wand, lehnt sich an, ist kräftig und strebt von ihrer Bewegungsrichtung her fast schon durch die Wand hindurch. Die grüne linke Eckfigur macht einen schwunghaften Bogen in den Raum, geht in der Bewegung in das Rauminnere und leicht nach oben, zerstreut sich tendenziell.
 
Zu beiden Figuren im Kontrast hängt die dritte Eckfigur wie zementiert an der Wand, hat eine Mauer vor sich, bewegt sich nicht vom Fleck. Sie scheint wie einen Panzer vor sich her zu schieben und zieht eine deutliche Grenze zum Raum, öffnet sich ihm nicht. Hier wird keine Verbindung mehr in den Raum möglich gemacht.
 
Schauen Sie sich auch die Eckfigur im Treppenaufgang an. Diese verschmilzt fast mit und in der Wand.
 
Wenn Sie nach oben gehen, schauen Sie sich die freistehende Skulptur an und wie sie sich in Beziehung setzt zur filigranen Wandarbeit gegenüber.
 
Auch hier erobern sich die beiden Figuren den Raum auf ganz unterschiedliche Weise : die stehende Plastik scheint die ganze Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, Sie frisst den Raum um sich herum, scheint keine Konkurrenz zu vertragen, fordert Vertiefung und ein völliges Einlassen in sämtliche Details. Sie nimmt einen in Beschlag.
 
Im Gegensatz dazu die äußerst zarte und sich ganz zurücknehmende Wandarbeit, in ihrer Leichtigkeit und Bescheidenheit schon fast nicht mehr anwesend im Raum. Und doch füllt Sie die gesamte weiße, sonst leere Wand und kann sich behaupten, ganz leise.
 
Für mich taucht die Frage auf: welche Arbeit behauptet sich letztendlich mehr?
 
Wenn Sie den kleinen Raum mit Kleinskulpturen besuchen: hier können Sie sehen, wie er die Möglichkeiten auslotet, die sich ihm in der Kleinplastik bieten.
 
Z. Bsp. die mittlere Figur auf der rechten Seite: in einer siebenfachen Vergrößerung (was in etwa den häufig gebräuchlichen Maßen Peter Haucks entspräche) bräuchte er einen Baumstamm-Durchmesser von mindestens 1,75 m, damit sich die nach außen wegschwebende Figur realisieren lassen könnte. In der Kleinplastik werden so Proportionen möglich, die trotzdem sehr monumental sein können. Die Freiheit in der Gestaltung ist größer.
 
Ein wichtiges Thema in den Arbeiten Peter Haucks ist auch der Sockel
 
Ihm kommt eine besondere Bedeutung zu: er ist immer auch Teil der Skulptur, wird von Anfang an mitgedacht, integriert und als gestalterisches Teilelement verstanden. Aber was macht der Sockel in diesen Werken? Ist er noch Sockel, ist er zuviel Sockel? Oder überflüssig? Was stimmt?
 
Der Sockel ist Farbkörper und wird als Farbkörper behandelt und bei meinem floskelhaften Einwand: „weniger ist manchmal mehr“...kann Peter nur den Kopf schütteln und die Augen verdrehen. Dieser Satz passt eben auch nicht immer.
 
Dem Sockel wohnt auch die Bedeutung des Fundamentes inne, der relativ geschlossenen und Ruhe bietenden Form, auf der sich alles Weitere entwickeln kann.
 
Zum Thema Farbe in seinen Arbeiten:
 
Auch wenn im ersten Moment der Eindruck von Buntheit entstehen mag, so ist bei näherer Betrachtung jede einzelne Skulptur nicht mehr bunt, sondern unterscheidet sich in der farblichen Auseinandersetzung im jeweiligen Werk:
 
Schauen Sie sich die letzte Figur auf der linken Seite im kleinen Raum an, dann geraten Sie vielleicht wie ich ins Zweifeln. Dieser Klang aus orange, fast neongelb und matschigem grau wirkt schräg, knallig, unpassend. Ich denke an Kitsch. Hier passt er die Farbgebung der Form an: oben ein kräftiges Orange, damit die eigentlich dünne und zerbrechliche Form wieder Kraft bekommt.
Es zeigt, wie gerne er sich an solchen Grenzen bewegt und etwas wagt.
 
Im Gegensatz dazu die mittlere Figur auf der rechten Seite: hier will er die spannungsreiche Form nicht noch durch einen zusätzlichen Farbkontrast verstärken. Er stellt lieber Verbindungen durch die Farbe her und spielt mit diesem fließenden Übergang, was die Figur nicht unbedingt nahe legt.
 
Auf manchen Arbeiten wirkt die Farbe wie draufgeklatscht – und sie ist es. Hier spielt er mit dem Zufallsprinzip und lotet dieses Potenzial aus. Er möchte wissen, was solche Störungen auslösen.
 
Hochgenuss sind auch solch minimale Farbvariationen, wie das z.B. in der für mich anmutigsten und zartesten Figur der Fall ist, die schmale, blütenhafte Figur an der oberen hinteren Wand.
 
Durch die farbästhetische Thematik entsteht eine weitere Frage: wo beginnt hier Malerei, wird etwas eigenständig, hebt sich ab von der Figur?
 
Sehen wir hier gemalte Bildhauerei oder gebildhauerte Malerei? Oder sehen wir Malerei auf Bildhauerei?
 
Mit dieser Frage gehen Sie am besten auch ins 2. OG zur einzig freistehenden Plastik in der Mitte des Raumes. Der Überraschungseffekt ist immens, wenn man im Hineinlaufen erst nur die eine Seite zu sehen bekommt.
 
Ein Zitat Haucks: „Wenn ich 2 Farben zueinander stelle, funktioniert das irgendwie immer, dann ist die Möglichkeit des Scheiterns unwahrscheinlich. Ab 3 oder 4 Farben aber wird es schon schwieriger“.....“z.B. die Farben Orange, Rosa, Grünschwarz – funktioniert das? Hat es vielleicht eine Chance, weil es stört? Man muss sich darauf einlassen. “
 
Arbeiten mit „seriöser“ Farbigkeit findet Peter Hauck problematisch.
 
Seit einiger Zeit arbeitet er auch mit Glanzeffekten in der Farbgebung und fragt sich, ob das legitim ist. Er denkt dabei an eine Landschaft kurz nach einem Regen oder an die schimmernde Erscheinung einzelner Blätter in der Natur.
 
Er schafft damit einen Gegensatz zwischen der Rohheit der Skulptur, dem einfachen und natürlichen Material Holz und der wertvoll wirkenden Oberfläche durch diese Firnisstruktur. Es erinnert an Schmuck, Ikonen oder gefirniste alte Ölbilder.
 
Bevor ich zum Ende komme, noch ein paar Sätze zu einzelnen Figuren
 
Hauptarbeit im 2.OG, die Bodenarbeit in der Mitte des Raumes:
In dem Werk „Raub der Sabinerinnen“ von Rodin gibt es eine menschliche Figur, die eine andere in den Arm nimmt und in die Luft bzw. in die Höhe reißt: daran erinnert ihn diese Skulptur, wodurch sie allerdings für mich eine ganz andere Dynamik und Bedeutung bekommt.
 
Unter einem Blickwinkel zweier menschlicher Torsi ist die Figur für mich fast bedrohlich in ihrem Hang zum hinten überkippen, zur Kraft und Dynamik in ihrer vorweggenommenen Bewegungsrichtung: nämlich kurz vor einem Sturz nach hinten über. Gleichzeitig drückt eine solche Bewegung soviel Kraft, Freude und Energie aus, dass es fast schmerzt, den immanenten Fall einer solchen Bewegung vorherzusehen.
 
Die Frage für mich ist, ob man es schafft und aushält, die Figuren in ihrer Abstraktheit zu belassen, ihnen nichts Gegenständliches an Bedeutung geben zu müssen. Es ist für mich wie ein Festhalten und Suchen einer Ordnung, eines Sinns. Sie verlieren dadurch ein Stück ihrer Autonomie, ihres einfachen So- Seins.
 
Peter Hauck spricht während dieser meiner Gedanken von der Sehnsucht eines fast jeden Künstlers nach dem autonomen Kunstwerks. Es soll nicht mehr und nicht weniger als die Form zu sehen sein. Zitat Peter Hauck: Es ist eine Form und die Form spricht“.
 
In diesem Kontext spricht Peter Hauck von Menschen, die sich in die Landschaft stellen und dabei romantische Gefühle haben: „Dazu kann die Landschaft nichts“.
 
Ich finde es interessant, aus dieser Blickrichtung sein Werk zu betrachten, denn es offenbart für mich diese Absolutheit in seinem Suchen nach der „nüchternen und einfach vorhandenen Form“, ich will nicht sagen „reinen Form“, weil das ein abgenutzter und mittlerweile entideologisierter Begriff ist.
 
Mich fasziniert diese ernsthafte Suche nach etwas, die sich erst einmal nicht versucht, von allzu menschlichen Gefühlen verleiten zu lassen. Es ist diese nüchterne, männliche und kühle Rationalität, die mich hier auch fasziniert und wie sie doch auch dieses Andere und mehr Weibliche, eher Intuitive und Emotionale letztlich aber nicht ausklammert.
 
Wie könnte ich mich aus meinem ganz weiblichen Blick sonst so angesprochen fühlen von diesen unglaublichen Arbeiten?
 
Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Entdecken und möchte noch anmerken, dass alle Arbeiten käuflich sind und der Künstler gerne Ratenzahlungen entgegen nimmt.


Simone Straub