Annette Kuska

Charaktere

13.2. - 20.3.2005


 

 

Über meine Arbeiten
 
Meine Arbeiten werfen viele Fragen auf ohne sie zu beantworten. Fragen nach den Namen, der Herkunft, der Bedeutung, der Funktion, der Identität meiner Protagonisten in den Portraits.
 
Ich beschäftige mich mit den Geschichten, die wir, als Antwort auf die Frage nach Identität, über uns selbst und andere erzählen, und mit der Erfahrung, daß es für keine dieser Geschichten ein wirkliches Ende gibt. In Geschichten entwerfen wir Rollen und Bilder - Realitäts- aber auch Wunschbilder - und mit ihnen versuchen wir, Erfahrungen und Erlebnisse zu verstehen, ihnen einen Sinn zu geben und in Bezug zu uns zu setzen. Dabei machen wir immer wieder die Erfahrung, daß diese Bilder Ausdruck von Einflüssen sind: sie sind Produkte der Zeit, der Gesellschaft, der Umgebung, in der wir leben, aber auch unserer Phantasie und Vorstellungskraft. Sie sind beides: unsere eigenen, persönlichen Erfindungen, und Übernahme oder Kopie aus der Fülle der uns umgebenden Identifikationsangebote. Persönliche Erfahrungen und ihre Interpretation innerhalb dieses größeren, sozio-kulturellen Kontextes führen zu einer einmaligen Mischung von unterschiedlichsten Elementen in jedermanns persönlicher Geschichte. Sie zu erzählen bedeutet zugleich sie zu bestätigen, ihr Wirklichkeit zu geben und sie zu erfinden. Fiktionales und Faktisches sind unzertrennlich miteinander verquickt.
 
Mich interessiert, wie wir eine Vorstellung von Identitäten und Rollen bilden. Geschichten, Erzählungen aller Art und auch Bilder spielen eine formende Rolle in dem ununterbrochenen Auswahlprozeß von Bedeutendem aus dem Meer der Eindrücke, Assoziationen, Erlebnisse etc., die jeden Tag in unser Bewußtsein strömen und nach einer Reaktion oder Verarbeitung verlangen. Ihr oft zufälliger Charakter, die willkürliche Vermischung von alltäglichen und außergewöhnlichen Erfahrungen, die Gleichzeitigkeit und das Zusammentreffen von Elementen aus verschiedenen Zusammenhängen, faszinieren mich und bilden die treibende Kraft für meine Kreativität.
 
Keine Geschichte ist jemals fertig oder vollständig. Oft sind die Geschichten, die wir erzählen, allemal Fragmente: weder können sie alles zum Ausdruck bringen, noch passen sie nahtlos in ein kohärentes Gefüge zusammen. Sie verhandeln ununterbrochen neue Möglichkeiten, die neue Geschichten entstehen lassen, oder neue Rollen. Dieser Prozeß des Erzählens und auch Wiedererzählens ist nach vorne hin offen: Erinnertes und neu Erlebtes finden zu immer neuen Kombinationen zusammen. Dabei verwischen wir oft die Grenzen zwischen dem, was war, und dem, was sein wird. Bewußte Identifikationen und das spielerische Element dabei, das in vielem auch an Kindheitsspiele mit ihrem Austesten von Rollen und fiktiven wie realen Charakteren erinnert, steht dabei im Zentrum meiner Nachfrage nach Selbstbildern und Bildern von anderen.
 
Collage bildet das Grundprinzip meiner Arbeiten (gelegentlich kommt sie auch direkt zur Anwendung), ermöglicht sie doch das Kombinieren der unterschiedlichsten Elemente, einschließlich Schrift, aus den verschiedensten Zusammenhängen, geographisch wie auch zeitlich. Collage stellt einen Bezug her zu der Fragmentierung, Zerstückelung aber auch Vielfalt der Elemente und Faktoren, die in unseren Konzepten von Identität zusammenkommen. Das Schichten, Nebeneinanderstellen, Zitieren von unterschiedlichen Quellen, das Mischen von Techniken und Stilmitteln verdeutlichen die vielfältigen und unterschiedlichen Einflüsse, deren wir uns bedienen beim Begreifen unserer Erfahrungen und deren Erzählen als Geschichten. Dies wird weiter verstärkt durch formale Fragmentierung im Bild, sei es - in Anleihe vom Kubismus - als Überlagerung von mehreren Bildern, oder als Vermischung von Bilderschnipseln, visuellen Zitaten und Andeutungen. Dekorative Elemente, Muster und Ornamente dienen dazu, Assoziationen mit bestimmten Stimmungen oder Orten herzustellen. Schrift wird mehrdeutig verwendet: manchmal in ihrer konventionellen Funktion als Zeichen für eine allgemein anerkannte Bedeutung; manchmal aber schlicht aus Freude an ihrer graphischen Ästhetik und damit als gleichbedeutendes kompositorisches Element im Bild neben anderen, nicht schriftlichen; manchmal aufgeladen mit neuer, unvereinbarter und deshalb persönlicher und codifizierter Bedeutung.
 
Den Ausgangspunkt für meine Bilder bildet fast ausnahmslos die Photographie. Ich arbeite mit meinen Protagonisten in der Anfangsphase intensiv mit der Kamera, was zu ersten Skizzen führt, die später bei Modellsitzungen überarbeitet werden. Weiteres Bildmaterial stammt häufig aus Zeitungen, Zeitschriften und Büchern. Freies Zeichnen wie auch nach Modell stellen mir das visuelle Vokabular zur Verfügung, das ich zur Komposition der Bilder benötige. Ölmalerei wie auch Druckgraphik stellen meine Hauptmittel dar. Beide sind durch ihre Beziehung zum photographischen Bild definiert.
 
Wichtigste künstlerische Einflüsse auf meine Arbeiten stammen formal wie auch gedanklich vom Deutschen und Amerikanischen Expressionismus und dessen Orientierung am Existentialismus. Ausschlaggebend für die Rezeption meiner Arbeiten sehe ich die Überzeugung, daß unsere Entscheidungen bestimmen, wer wir sind, wie wir uns selbst sehen und was Bedeutung für uns bekommt. Wir fällen Entscheidungen im Spannungsfeld von Abhängigkeit und Freiheit, und machen oft die Erfahrung, daß es an einer Autorität fehlt, diese zu legitimieren oder abzusegnen. Auch in userem Urteilen über Dinge, die uns als sinnvoll oder sinnlos erscheinen, sind wir auf uns selbst und auf unsere Erfahrungen und Geschichten zurückgeworfen. Meine Arbeiten bieten den Betrachtern mit ihren vielfältigen Elementen und Andeutungen viele Möglichkeiten an, Entscheidungen über die Identität der Protagonisten oder deren Geschichten zu treffen -Entscheidungen, welche wiederum die Wahrnehmung der Arbeiten stark beeinflussen werden. Bedeutung und Sinn muß individuell von jedem Betrachter durch solche Entscheidungen erarbeitet werden. Es ist mühsam und die Vermutung bleibt, daß jede Geschichte auch ganz anders lauten könnte.

Annette Kuska