Jürgen Brodwolf
 
"Zeichnen"
Arbeiten auf Papier 1964 bis 2004
 
3.4. - 8.5.2005


 

Vernissagerede vom 3.4.05
 
Lieber Jürgen Brodwolf, ich schreibe in das Buch Ihrer Zeichnungen hinein wie in einen unüberschaubaren Raum, eine Höhle, an deren Wänden sich meine Sätze niederschlagen, Krakel, die oft zurücktreten in den Stein, in die Asche. Kein Vorwort, keine Erläuterung - ein Brief aus diesem Sommer, der keiner werden will.
 
In den letzten Tagen habe ich immer wieder an einen sommerlichen Garten in Stuttgart gedacht. Es war Abend geworden, das Licht mild und diffus. Wir standen nebeneinander und schauten auf Ihre Gegend, eine Ausstellung Ihrer Geschöpfe, Ihrer Totems und Mumien. Die Gäste gingen, Weingläser in den Händen, zwischen ihnen hin und her, auffallend still, so, als wären Somnambule unterwegs und achteten darauf, einander nicht in den Weg zu geraten oder zu berühren. Manchmal kam ein Murmeln auf, manchmal waren ein paar Worte zu verstehen. Die eigentümlich geräuschvolle Stille ist mir im Gedächtnis, im Ohr geblieben. Jetzt, im Nachhinein, wird die Szene geradezu schwerelos und erfüllt mich zugleich mit einer Trauer, die ich zu kennen glaube, die mir gehört. Ich blicke in einen Garten, in dem Leben und Tod ineinander aufgehen, die Mumien eingebunden sind von Erinnerung: Unserem Gedächtnis, das denen, die uns verlassen haben, erschrocken nacheilt, zurückholen will, was mit einem Mal - und gegen uns - verloren geht.
 
Dass ich mich an den Garten erinnere, er mir wieder so gegenwärtig ist, hat einen Grund. In diesem unwilligen Sommer starben drei Menschen, die mir nahestanden, die jeder auf seine Art, in mein Leben gehörten und unvermittelt leere Stellen hinterlassen. Sie gingen tatsächlich unerwartet, alle drei. Ihr Herz versagte, mitten im Lauf, und Erwartungen, Pläne, Aufbrüche wurden zunichte. H. N. hatte sich nach und nach von seinen Pflichten als Arzt gelöst, die Arbeit einem seiner Söhne überlassen, genoss mit seiner Frau die Freiheit, reiste mit ihr an den vertrauten Ferienort und kam gerade noch an. H.K., einer jener Lehrer, den die Schüler lieben, weil er Wissen und Erfahrung nicht nur didaktisch weitergibt, sondern sie ihnen aus einem tiefen Vertrauen in ihre Zukunft schenkt, H.K. hat eben noch seine Abiturienten in einer Rede von der Schule verabschiedet, als ihm der Atem stockte. Mit C.v.N., seiner großen Familie, seinen Freunden trafen wir uns oft, um in seiner weitläufigen Wohnung Musik zu hören. Es gelang ihm, leidenschaftlich und kenntnisreich wie er war, immer wieder namhafte Musiker einzuladen. Von Haus aus war er Kaufmann, auch da ehrgeizig und einfallsreich, doch genau genommen versuchte er das Leben als ein Kunststück, in dem Familie, Musik, Arbeit, Phantasie und Realität sich verwoben. Alle drei konnten, wenn sie bei sich waren, leuchten.
 
Wie kann ich trauern, wenn ich vor Schmerz und Zorn aufschreien möchte? Ich habe mir diese Frage nur im ersten Erschrecken gestellt. Denn längst habe ich begriffen, die Toten seit meiner Kindheit einsammelnd, dass ich Trauern nicht lernen kann. Es gilt ja immer nur Einem oder Einer. Und jede oder jeder hat sich anders in meinem Gedächtnis eingenistet, ruft andere Bilder, anderes Glück, andere Schmerzen hervor.
 
Bis die Trauer Gestalt wird. Das dauert lang.
 
Vor ein paar Tagen erhielt ich Ihren Malbrief, lieber Brodwolf, den ich nun, nach einem schmerzlichen und verwirrten Zögern, beantworte. Sie konnten nicht ahnen, wie inständig ich mich an den Stuttgarter Garten erinnerte, an »Ihre Gegend«, umso mehr bewegte mich das Bild im Brief: »Steinhöhle mit Figur im Valle Bavona, Tessin«.
 
Was ich im Garten entdeckte, finde ich hier, nur unmittelbarer, ohne die Ablenkung des Raums, bestätigt: Diese Zone zwischen Leben und Tod, Hier und Dort, Erfahren und Erinnern. Die Höhle erscheint nicht kompakt, vielmehr reduziert auf ein Gerüst, das nicht fest ist, das durchströmt wird, lebt. Es schließt eine Ihrer Figuren ein, umschließt sie, berührt sie aber an zwei Stellen, gibt offenbar pulsierende Kraft weiter: Das Gestein teilt sich dem Wesen mit, scheint es sogar zu nähren. Das krümmt sich gleich einem Embryo.
Nur ist es einer, der schon alt gewesen ist, schon einmal das Leben mit dem Tod tauschte, alles vergaß, bloß nicht vergessen wurde. Eingebunden ins Geflecht, wird er fest, - ein belebtes Zeichen, eine dauerhafte Gestalt für die Trauer.
 
Ich rede auf Ihre Figuren ein, lieber Brodwolf, mache mir Ihre Gegenden, Räume, Höhlen zueigen, da ich mit meiner Trauer nicht zurecht komme und Antworten suche, und Sie könnten widersprechen, mir einen einseitigen Umgang mit Ihrer Kunst vorwerfen. Das weiß ich. Aber ich brauche Ihre Skulpturen, Bilder und Zeichnungen jetzt in diesem Sommer. Sie erwidern meiner Trauer und geben ihr Gestalt. Dieser ungenaue Schmerz, der sich nicht abfinden kann mit dem FürImmerFort, sammelt sich in Mumien, uralten Föten, geronnenen und in Finsternis eingewickelten Schatten - nicht, weil sie Trauer wiedergeben, sondern weil sie Trauer aufnehmen. Denn in beunruhigender Ruhe erinnern sie sich an Leben. Es ist ihnen eingebunden. Ein Kern, der dem Tod widersteht.
 
Damals nach der Ausstellung im Stuttgarter Garten, schrieb ich ein Gedicht. Ich wiederhole es in diesem Brief, als ein Echo:
 
        Diesen verkohlten Läufer,
        eingebrannt in den Rasen,
        diese gekrümmte Aschenseele -
        ich sah sie in einem Abendgarten,
        so,
        als erinnerte sich
        das Schöne
        an die Reste von Licht,
        an Wörter, ausgeklumpt,
        Hände, die sich
        an der Kälte wärmen.
        Umsäumt von
        erbittertem Gedächtnis
        könnte ich hier
        Gedichte aufstellen,
        Wortsäulen,
        die standhalten werden
        dem kommenden Feuer.
 
Verzeihen Sie mir, lieber Jürgen Brodwolf, den von Tränen eingeengten Blick auf die Geschöpfe Ihrer Kunst. Es ist der eines Kindes, das sich verzweifelt wehrt, verlassen zu werden. Es sucht nach einer hinterlassenen Botschaft, ganz einfach: nach einer Erklärung für den unerklärlichen Verlust. Ihre Gestalten geben sie nicht. Aber sie geben dem Verlust Gestalt.
 

Seien Sie gegrüßt von Ihrem
Peter Härtling
 
Im Juli 1996

 


URSPRUNG UND VERWANDLUNG EINER FIGUR
 
Die Frage nach der Findung, Sinn und Herkunft der Tubenfigur wird immer wieder gestellt.
 
Meine frühe Kindheit verbrachte ich ohne Geschwister und Spielgefährten in einer noch unbesiedelten Landschaft, die mit ihren Busch- und Baumwäldern, Weideflächen, Mooren und Weihern unerschöpfliche Spielplätze bot, in denen aber die Spielgefährten fehlten. Ihre Stelle mussten meine Phantasiefiguren aus Hölzern, Zweigen und Steinen einnehmen, ausfüllen. Später kamen aus Staniolpapier geformte Figürchen hinzu, mit denen hauptsächlich während der Wintermonate im Kinderzimmer vor Pappschachtelbühnen und Kulissen Geschichten gespielt wurden.
 
Zwischen diesen letzten Staniolfigürchen und den ersten Tubenfiguren liegen rund 20 Jahre, Jahre, in denen das kindliche Spiel dem rationalen Denken der Erwachsenenwelt weichen sollte. Die Spuren dieser Kindheitsfiguren blieben aber irgendwo unter meiner Hirnrinde als Formchiffre gespeichert, abrufbar durch ein optisches Formsignal von aussen.
 
Das Signal gab eine ausgedrückte Farbtube auf dem Maltisch neben der Staffelei, die in der zufälligen, unabsichtlichen Verformung figurative Züge annahm, die dem Ur- oder Vorbild meiner inneren Figur entsprach.
 
Für mich bedeutete die folgenschwere Entdeckung dieser Tubenfigur gleichzeitig Wiederfindung, Anknüpfung an meine Kindheit, Zurückerinnerung an Spiele und Rituale mit den frühen primitiven Figuren. In dieser Tubenfigur erkannte ich die starke Verwandtschaft zu den Figurenrelikten meiner Kindheit und somit die Wiederfindung meiner wahren Identität und eigenen Sprache. Aus dieser Urfigur haben sich während der letzten Jahre in einem stetigen Evolutionsprozess ständig neue Figurentypen entwickelt.

Jürgen Brodwolf


Zeitpyramide
 
Eisentisch mit 6 Speicherkästen und 42 Bildtafeln mit Arbeiten auf Papier von 1964 - 2003.
 
Diese können zum Betrachten aus den Gleitschienen der Speicherkästen herausgezogen werden.
 
Die Arbeiten auf Papier sind in einem Zeitraum von 39 Jahren entstanden und geben einen Einblick in die verschiedenen bildnerischen Techniken und Themenbereiche.
 
 
JÜRGEN BRODWOLF
 
Zu meinen Arbeiten Auf Papier Papier sei geduldig, heißt es. Dann ist Papier auch abweisend, verführerisch, zart, listig, spröde und schmeichelnd.
 
Wenn ich mich nach Zeiten zeichnerischer Abstinenz wieder an meinem Zeichentisch vor ein Blatt Papier setze, nach Bleistift oder Pinsel greife, befällt mich oft ein plötzliches Augenflimmern, ein kurzer Angstschwindel vor dem »ersten Strich«.
 
In diesem zaghaften Zustand greift die linke Hand unwillkürlich nach einer in der Nähe liegenden Tuben- oder Papierfigur, legt diese auf die papierne Fläche, die sich durch die plötzliche Präsenz dieser Figur in einen Bildraum verwandelt.
 
Während Daumen und Zeigefinger den Figurenkörper sanft aufs Papier drücken, umzeichnet der Bleistift in der Zeichenhand mehrmals die Körperform, die als lineare Silhouette auf dem Papiergrund erscheint - für immer gebannt, umschlossen, wie die Angst des Zeichners. Die Papierfläche wird zum Bühnenraum, in dem die Figuren agieren. - In den meisten Arbeiten auf Papier steht die modellhafte Tuben oder Papierfigur zu der erfundenen Gestalt thematisch und kompositorisch in einem engen Bezug und bildet mit
dieser einen erweiterten Bildraum.
 
Die Figur erscheint in unterschiedlicher Gestaltgebung und Strukturbildung - als Umriß, Schein oder Schatten, durchs Papier fließend, als Aschekörper eingebrannt, oder in ihrer plastischen Körperlichkeit auf den Bildgrund montiert. Die Figur erhält Form und Ausdruck mittels Graphit, Tusche, Farbtinte, Wasserfarbe, Asphalt, Staub und Asche. - Figur ist allgegenwärtig.
 
Klee-Zyklus
 
Der Kunsthistoriker Walter Ueberwasser (1898 - 1972) beschäftigte sich eingehend mit der Kunst von Paul Klee. Zu erwähnen sind, neben einigen kürzeren Texten, vor allem die ungewöhnlichen Bildinterpretationen im Ausstellungskatalog »Paul Klee« der Galerie Beyeler, Basel.
 
Durch eine fortschreitende Krankheit konnte Walter Ueberwasser eine umfassende Monographie über diesen Künstler nicht mehr abschließen und veröffentlichen.
 
Aus dem Nachlaß meines Schwiegervaters Ueberwasser sind Bruchstücke seiner wissenschaftlichen Arbeit in meine Hände gelangt. Davon haben mich die zwölf Interpretationsstudien zu Bildwerken von Paul Klee zu dem vorliegenden Zyklus angeregt. - Walter Ueberwasser fertigte nach Abbildungen von bestimmten Werken präzise Nachzeichnungen mit Tinte oder Tusche auf Transparentpapier. Diese Transparentblättchen montierte er anschließend mit Klebestreifen oder Leim auf DIN-A-4-Bögen, die mit handschriftlichen Anmerkungen versehen wurden. Über Sinn und Bedeutung dieser Nachzeichnungen können nur noch Vermutungen angestellt werden. Es ist denkbar, daß sich Walter Ueberwasser durch das Nachzeichnen der Vorlagen Klees näher und tiefer an dessen rätselhaftes Werk herantasten, dieses eigenhändig begreifen wollte.
 
Mein Interesse bei der Auseinandersetzung mit diesen acht Blättern galt sowohl Paul Klee wie Walter Ueberwasser. Gleichsam als dritter agierte ich mit den collagierten Papierfiguren, die ich teils vor, teils hinter die netzartigen, architektonisch wirkenden Raumgebilde schob oder unter die Symbolzeichen setzte.

 
Sternbilder
 
Die Sternbilder sind in fünf Gruppen aufgeteilt und unterscheiden sich stilistisch und thematisch wie auch durch die bildnerischen Techniken.
 
Die Sternbilder entstanden im Zeitraum von 26 Jahren, von 1974 bis 2000, wobei mehrere Blätter zuletzt nochmals überarbeitet wurden. Allen Blättern gemeinsam ist die Verbindung der Figuren mit den netzartigen, geometrischen Konstruktionen und Aufrissen der Sternbilder, die frei erfunden sind oder nach Sternkarten gezeichnet wurden.
 
Eine Ausnahme bilden die Sternennetze auf den Seiten 9 bis 14. Für die spinnennetzartigen Geflechte dienten geografische Landkarten als Vorlage, deren Städte und Dörfer mit Straßen verbunden sind. Der Betrachter blickt quasi in umgekehrter Richtung vom nächtlichen Himmel auf die Lichternetze der Erde.
 
Die Asphaltmonotypien mit den verschlungenen Figurenpaaren, Seiten 16 bis 23, stammen aus 1984 und 1985. Anfang 2000 habe ich diese Figurationen mit Sternbildmotiven nach Himmelskarten verknüpft, wobei die Sterne durch Farbtupfer aus der Tube dargestellt
sind.
 
Auf den Abbildungen der Seiten 41 bis 53 korrespondieren die auf collagierten Papierfetzen gemalten Figurenfragmente von 1982 mit den gezeichneten Tubenfiguren zwischen denen - gleichsam wie auf einer erweiterten Bildebene - die im Jahre 2000 eingezeichneten Planeten auf ihren Umlaufbahnen kreisen. - Auf denen der Seiten 57 bis 63 variieren die mit Graphitstift gezeichneten Figurenpaare und Köpfe von 1996 mit den vier Jahre später eingezeichneten Sternbildmotiven in Farbstift.
 
Die Sternbilder der Abbildungen auf Seiten 67 bis 79 habe ich 1974 auf die Rückseite von alten stockfleckigen Kupferdrucken mit Abbildungen aus der Kunstgeschichte gezeichnet, wobei durch das Umzeichnen und lineare Verbinden der Stockflecken sich wie von selbst Sternbildrisse ergeben, die mit den Figuren und Nachzeichnungen der vorderseitigen.
 
Bildmotive aus einem Kunstatlas (Menge, »Antike Kunst«) ein ambivalentes Raumszenarium bilden.
 
Stockflecken - für Sammler eine Schreckensvision - stellen für mich inspirierende Flechtengebilde dar, die sich, wie Leberflecken über alternde Haut, über Papierflächen ausbreiten. Der Zeichenstift braucht diese gefürchteten Wucherungen auf dem Papier nur zu umkreisen, die Inselgruppen miteinander zu verbinden - und wie von selbst ergeben sich die verrücktesten Bildnetzwerke.
 
Als Liebhaber alternder Papiere bekommt man diese Schimmelkulturen obendrein. So sind immer wieder Arbeiten auf Papier mit diesen geliebt-gehassten Schimmelinseln überzogen, die dann prompt ins Bildwerk integriert werden. Diese besonderen Blätter - aus reiner Lust und Leidenschaft heraus entstanden - sind meistens von spielerischer, privater Natur. Alles, aber auch ALLES dieses ist mit meiner FIGUR verbunden, verknüpft. Ich: ein in Bildern lebender Kreuzworträtsellöser.
 

Jürgen Brodwolf, März 2000


Jürgen Brodwolf
 
Lebenslauf
eines Zeichners, der am 14. März 1932 auf die Welt kam und sich zeichnend darin zurechtzufinden sucht.
 
Lebenslauf - "Zeichner läuft um sein Leben", das sich rückwärts gelesen wieder in "Nebel" auflöst, von wo es herkam.
 
Das leere Papier wird zur weißen Nebelwand, durch die der Zeichner hindurch muss, sich mit Bleistift und Pinselmarkierungen seinen Weg sucht, "Nebel" wieder in "Leben" umschreibt, und dessen Ende durch Linien mit dem Anfang verbindet.
 
Die Hand des Zeichners
führt seine inneren
Bilder aud dem Dunkeln
ans Tageslicht.
 
Die Hand macht
den Traumwandler
zum Handwerker.
 
 
Vezia
Vezia Venezia meine Festlandinsel, auf die ich mich zurückziehe, absetze. Wo liegt Vezia? Wenn man vom San Salvatore zum San Zenone eine Gerade zieht und San Martino mit Santa Maria durch eine Linie verbindet, so liegt Vezia genau im Schnittpunkt. Die Strahlen dieser vier Bergheiligen kreuzen sich im Atelier des Malers Domingo Saporiti (1893 - 1966), dessen Platz ich nun eingenommen habe.
 
Am Zeichentisch sitzend, ordne ich in meinem Dachatelier des alten Malerhauses im "Vicolo" Aquarelle, Zeichnungen und Tuschen. Es sind Blätter der letzten Jahre, die schwerlich mit ihrem Entstehungsort Tessin zu identifizieren sind, wiederum nur hier entstehen konnten, an einem südlichen Ort, der zur nördlichen Bildhauerwerkstatt mit dem dreidimensionalen Ballast als geistiger Gegenpol wirkt. In dem 4 x 7 Meter großen Raum mit Tisch, Stuhl und Bett verfüge ich nur über die einfachsten Utensilien des Zeichners: Papier, Bleistift, Pinsel, Feder, Tusche, Wasser und Farbe. Hier bin ich nur Zeichner, der mit beinahe schwerelosen Mitteln das Leichteste wie aufs Schwerste versucht, wo sich auf einem kleinen Dinavierblatt die größten Dimensionen auftun.
 
 
Zeichnen
Zeichnen ist Zentrum meines bildnerischen Denkens und Handelns. Zeichnen = Pulsschlag= Spirale, von innen nach außen, und wieder zurück schwingend, gleich den Gezeiten der Meere, Zeichnen ist Anfang und Ende.
 
Wenn ich zeichne, dann bin ich ganz Zeichner,
Ausdauernd
beharrlich
kühl
abwesend
leidenschaftlich
 
Zeichnen hat seine Zeiten.
Wenn die Zeit reif ist, packe ich mein Zeug und zieh in meine südliche Zeichenstube nach
Vezia.
 
Der Zeichner spricht über Tuschen wie Farbe
und in Wasser
Tinten fließt
Kohlen
Kreiden schwarzer
Federn Asphalt
und Stifte brennt
von Pinseln über Wachs
spitz wie Haut
stumpf
weich Aber über alles,
federnd liebt der Zeichner
widerborstig die Papiere
 
Wasserfarben
EinBlatt Papier bildet den abgesteckten Spielraum - eine topographische Landschaft, auf der sich das Wasserfarbenbächlein seinen Weg sucht, zum fluss anschwillt, zum Farbmeer ausbreitet, als Rinnsal verkümmert, die Farbe als ausgetrocknete Spur zurücklässt. Farbe und Wasser - Blutkörper im Blutplasma schwimmend, gemeinsam als Blutstrom durch Körper strömend, aus Wunden fließend, sich scheidet, zur Kruste gerinnt.
 
 
Vernissagerede am 3.4.2005
 
Jürgen Brodwolf - Zeichnungen
 
Galerie im Tor Emmendingen Eröffnung am 3. April 2005

Sehr geehrte Damen und Herren, Lieber Herr Brodwolf, Vor einer guten Woche, als ich mich mit dieser Rede beschäftigt habe, befand ich mich im Tessin, der Gegend, in der auch die meisten Zeichnungen von Jürgen Brodwolf entstehen. Im Tessin, genauer gesagt in Vezia, steht seine Zeichenstube. In einem seiner Kataloge schreibt Brodwolf: "Zeichnen hat seine Zeiten". Wenn die Zeit reif ist, packe ich mein Zeug und ziehe in meine südliche Zeichenstube nach Vezia. (...) In dem 4x7 Meter großen Raum mit Tisch, Stuhl und Bett verfüge ich nur über die einfachsten Utensilien des Zeichners: Papier, Bleistift, Pinsel und Feder, Tusche, Wasser und Farbe. Hier bin ich nur Zeichner, der mit beinahe schwerelosen Mitteln das Leichteste wie das Schwerste versucht, wo sich auf einem kleinen Din A 4 Blatt die größten Dimensionen auftun." (Katalog der Galerie Brusberg Berlin "Die Zeichen des Zeichners", 1993)
 
Die hiesige Ausstellung konzentriert sich nun auf diesen zweidimensionalen Gegenpol zum raumgreifenden plastischen Werk, das vor einem halben Jahr im Museum für Neue Kunst in Freiburg ausgestellt wurde. Dort lag der Schwerpunkt auf den noch nie gezeigten ganz frühen Bildern und Objektkästen aus der Sammlung Guderian und auf Installationen aus den letzten 15 Jahren, wie das mächtige "Monsunzelt" und die "Boote". Ein zentrales Werk war die extra für Freiburg geschaffene und der Ausstellung ihr Thema gebende Installation: "Figurenschule".
 
Fast gleichzeitig konnte in der,Galerie pro arte die Entwicklung der Figur bei Brodwolf nachvollzogen werden und nun hier in Emmendingen die Zeichnung. Zeichnung ist für Brodwolf Sammlung und Klärung. Es gibt nichts Vorgeformtes, nur das Papier und die Ideen im Kopf. Dazwischen liegt die Hand, die umsetzt und Gestalt verleiht. Den Vorgang beim Zeichnen beschreibt Brodwolf mit den Worten: "Das leere Papier wird zur weißen Nebelwand, durch die der Zeichner hindurch muss, sich mit Bleistift und Pinselmarkierungen seinen Weg sucht, Nebel wieder in Leben umschreibt und dessen Ende durch Linien mit dem Anfang verbindet." Zeichnen ist für Brodwolf etwas Elementares. Es ist das Zentrum seines bildnerischen Denkens und Handelns.
 
Blieben die Ideen, Träume im Kopf und kämen nie aufs Papier, gingen sie verloren. So aber nehmen sie Gestalt an, finden eine Formulierung im Bild. Die Zeichnung wird zur Orientierungshilfe und zur Möglichkeit sich im Wirrwarr der inneren Bilder zurechtzufinden. Die Zeichnung klärt, sie ordnet und macht dinghaft. Zeichnung kommt direkt aus der geistigen Werkstatt und manifestiert sich auf dem Papier.
 
Kein Wunder, dass gerade Schriftsteller sich dem zeichnerischen Werk Brodwolfs verbunden fühlen. Wolfgang Hildesheimer, Walter Jens, Adolf Muschg, Peter Härtung haben Katalogtexte für ihn geschrieben. Die Liebe zum Papier als Material, wie es sich anfühlt und wie es riecht und raschelt, das verbindet den Zeichner mit den Schriftstellern. Ebenso der Vorgang der Umsetzung, etwas gelangt direkt aus dem Kopf aufs Papier und nimmt dort eine Form an, dieser Vorgang macht sie zu Brüdern. Die inhaltliche Deutbarkeit der Figurationen Brodwolfs, die Möglichkeit an ihnen entlang die Gedanken schweifen zu lassen, Anregungen, die durch die Bildinhalte angestoßen werden, dies sind wichtige Komponenten im Zugang der Schriftsteller zu Brodwolfs Bildwelt. Aber auch umgekehrt ist die Liebe zur Schrift und der Wunsch im Bild ein nonverbales Äquivalent zu schaffen bei Brodwolf ungewöhnlich ausgeprägt. Er hat zahlreiche Bücher publiziert, Illustrationen zu Dichtertexten geschaffen, seine Briefe sind fast immer mit Zeichnungen versehen und nicht zu vergessen, er schreibt immer von Hand. Zeichnen steht für Brodwolf im Zentrum. Er schreibt: "Zeichnen ist Anfang und Ende. Zeichnen = Pulsschlag..." (Katalog Galerie Brusberg Berlin, a.a.O.)
 
Hier in der Galerie im Tor werden neben einzelnen, für sich stehenden Blättern, drei komplexe Hauptwerke der Zeichnung vorgestellt. Die Zeitpyramide, der Klee-Zyklus und die Sternbilder.
 
Die Sternbilder sind in einem Zeitraum von 26 Jahren entstanden. Brodwolf zeigt hier einen Ausschnitt aus dem Zyklus und zwar die Blätter, die er auf der Rückseite von stockfleckigen Kupferdrucken mit Abbildungen aus der Kunstgeschichte gezeichnet hat. Was rückseitig noch zu erhäschen war, sei es der Parthenon, der Hercules Tempel oder eine antike Statue schraffierte Brodwolf nach, ergänzte mit seinen Tubenfiguren und wandelte die Stockflecken um in erfundene und tatsächliche Sternbilder, in Kometenregen und kreisende Himmelslichter. Ein lyrischer Reigen traumwandlerischer Blätter entstand und die Stockflecken, eine zutiefst gefürchtete Schreckensvision für Restauratoren und Sammler, erfuhren eine spielerische Neudefinition mit nie erhoffter Aufwertung.
 
Ein weiterer wichtiger Zyklus ist die Zeitpyramide. Sie ist ein Zeitspeicher mit 42 Schautafeln, die vom Betrachter herausgezogen werden können. Die darin enthaltenen Arbeiten auf Papier reichen von 1964 bis zum Jahr 2003. Die Blätter sind zwischen zwei Plexigläser montiert und können zum Teil auch von zwei Seiten betrachtet werden. Die Bildtafeln sind nach Jahren geordnet und dokumentieren mit ausgewählten Beispielen in einem Zeitraum von 39 Jahren das zeichnerische Werk von Jürgen Brodwolf. Diese Dokumentation bezieht sich auf seine Themen, wie auch auf die breite Palette seiner bildnerischen Techniken. Alle Tafeln haben das gleiche Format: 36 x 30 cm.
 
Die Idee ist genial. Wer könnte das, einen Zeitspeicher schaffen? Wer außer dem Künstler? Jürgen Brodwolf mit seinem in allem enthaltenen Thema von Werden und Vergehen, von Leben und Tod hat einen Zeitspeicher geschaffen. Das ist Fiktion und Wirklichkeit zugleich. In einem gewissen Sinne gelingt es ihm den großen Bogen zu schlagen, das, was jeder will, dem Fluss der Zeit etwas entgegen zu setzten, alles ist richtig und alles hat seinen Platz, der tiefe Frieden in uns, die Aussöhnung mit der Zeit. Es ist eine Dokumentation von 39 Jahren Zeichnung. Diese Dokumentation könnte man sich nach oben und unten erweiterbar vorstellen. Für jedes Jahr in die Zukunft oder auch in die Vergangenheit, könnten Zeichnungen eingefügt werden. Gleichsam ein work in process, ein offenes Prinzip. Ob Brodwolf das allerdings im Sinn hat, oder ob es bei diesem gespeicherten Zeitabschnitt bleiben soll, weiß nur er allein.
 
Das dritte große hier in Emmendingen im Ausschnitt vorgestellte Zeichenwerk ist der Klee-Zyklus von 1984. Hier passiert etwas Mehrschichtiges. Es handelt sich zum einen um die Auseinandersetzung mit einem ganz großen Künstlerkollegen, mit Paul Klee, der, so wie Brodwolf, in der Schweiz aufgewachsen ist, jedoch fast sein gesamtes kreatives Leben in Deutschland verbracht hat. Und zum anderen ist es eine Beschäftigung mit familiären Bindungen. Der Vater seiner vor sieben Jahren verstorbenen ersten Frau, war Kunsthistoriker und befasste sich wissenschaftlich mit dem Werk von Paul Klee. Walter Ueberwasser fertigte nach Abbildungen von bestimmten Werken Klees präzise Nachzeichnungen mit Tinte oder Tusche auf Transparentpapier an. Diese Transparentblättchen montierte er anschließend mit Klebestreifen auf Din A4 Bögen, die mit handschriftlichen Anmerkungen versehen wurden. Was genau er damit bezweckte ist nicht mehr nachvollziehbar. Wahrscheinlich ist, dass Walter Ueberwasser, sich durch das Nachzeichnen der Vorlagen Klees näher und tiefer an das rätselhafte Werk herantasten und dieses eigenhändig begreifen wollte.
 
Zwölf Durchzeichnungen dienten Jürgen Brodwolf als Grundlage für seinen Klee-Zyklus. 1996 schrieb er: "Mein Interesse mit diesen zwölf Blättern galt sowohl Paul Klee wie Walter Ueberwasser. Gleichsam als dritter agierte ich mit den collagierten Papierfiguren, die ich teils vor, teils hinter die netzartigen, architektonisch wirkenden Raumgebilde schob, oder unter die Symbolzeichen setzte."(Katalog der 100 Arbeiten auf Papier, Radius Verlag 1996)
 
Es ist eine Form der Zwiesprache, der Reaktion auf diese Durchzeichnungen. Die Thematik der Klee Motive ist für Brodwolf dabei nicht so wichtig. Ihn interessiert mehr der Austausch, der zwischen den so unterschiedlichen Bildsprachen entsteht. Formal funktionieren sie ähnlich wie auch die Überarbeitung der Architektur Grundrisse, die Brodwolf ebenfalls von seinem Schwiegervater übernommen hat. Seine Figuren sind hineingestellt oder gelegt, wie in einen gedachten Raum. Und es wird eine Erweiterung des Bildraumes überhaupt erst durch diesen Vorgang geschaffen. Brodwolf erzeugt durch das plastische Element seiner Gestalten die dritte Dimension. Einmal stehen zwei Figuren rechts und links von einer perspektivischen Raumzeichnung mit offener Tür. In der Türe, zu groß für sie, noch den gesamten Fußboden überschneidend ist eine dritte, schemenhafte, genau gleich geformte Gestalt zu sehen. Dann gibt es eine sitzende collagierte Papierfigur, von hinten auf dem Transparentpapier der Durchzeichnung von "Drei Gefäße und Anderes" (von 1927) befestigt. Hier wird unmittelbar hinein empfunden, formal ein Spiel gespielt. Ebenso bei der Durchzeichnung von Klees "Nekropolis". Auch hier fügt Brodwolf seine Figur ein, wie eine Ergänzung, so als wäre ihr Platz schon immer da gewesen.
 
Was bedeutet dieses Spiel? Hier kann ein Außenstehender nur Vermutungen anstellen, aber versuchen will ich es doch. Einerseits gibt es Paul Klee, ein enorm kreativer, so viele Zeichen setzender, einen eigenen Kosmos schaffender Künstler. Sensibel, erfinderisch, geistig unabhängig und von schier unerschöpflicher Schaffenskraft, mit deutsch schweizerischen Wurzeln. Dann gibt es Walter Ueberwasser, ein naher Mensch, der Vater der Frau, der Schwiegervater - ein Vater, ein anderer als der eigene. Sein Denken, seine Auseinandersetzung mit dem Künstler Klee. Die Beschäftigung, die Gedanken, die Zeit, die er sich gemacht und genommen hat an seinem Schreibtisch sitzend, die Bilder mit Transparentpapier durchzupausen. Das ist Aneignung und zugleich auch Entfremdung. Das ist nicht mehr Klee und doch hat es was mit ihm zu tun. Es ist auch noch nicht Ueberwasser, denn man weiß ja nicht was er letztlich daraus geschlossen hätte. Seine eigenen Gedanken hat ernicht mehr zu Papier bringen können. Und nun ist es zu einem Brodwolf geworden. Soviel menschliche Energie, so viele Überlegungen, soviel Gestaltetes, das muss für Brodwolf, den Fährtenleser und Spurensucher eine große Herausforderung gewesen sein. Dieses Material nicht zu nutzen, muss ihm wie pure Verschwendung vorgekommen sein.
 
Und damit kehre ich wieder dahin zurück, wo ich angefangen habe, ins Tessin. Hier steht Brodwolfs Zeichenstube, hier hat Paul Klee seine letzten Lebenswochen verbracht und hier schafft Brodwolf das, was er Anfang und Ende nennt.

Christiane Grathwohl-Scheffel