Julia von Troschke
 
15.1. - 19.2.2006
 
 


Julia von Troschkes kreative Irritation
      
Ich wollt ich wär ein Huhn. Ein absurder Wunsch in den Zeiten der Vogelgrippe!
Ich hätt nicht viel zu tun. Ich legte jeden Tag ein Ei und manchmal auch mal zwei - Selbst drei wären eben noch möglich, oder? Steckt in diesem von den Comedian Harmonists kongenial vertonten Spießerwunsch etwa die geheime Sehnsucht der Julia von Troschke. Keineswegs! Die Malerin hat es sich in ihrem noch sehr jungen Leben nie leicht gemacht, der Weg des größten Widerstands war ihr stets der Rechte. Jede Naivität - auch die gespielte, ist ihr zutiefst wesensfremd. Vielmehr fordert sie uns mit ihrem Bild auf, unser Verhältnis zur Arbeit neu zu überdenken. Ein höchst zeitgemäßer Appell, wie ich meine. Das Huhn, das goldene Eier legt ist selbst aus der Werbung seit undenklichen Zeiten verschwunden. Von Insekten, Heuschrecken, ist nunmehr die Rede. Und zu welcher Spezies rechnen wir den Künstler? Ist etwa dies bemalte Holz erst dann Ausweis geldwerter Arbeit, wenn es sich in New York, London, Tokio verkauft? Bedeutet es bis dato womöglich nichts mehr als vertane Zeit? Wann und durch wen erhält Arbeit ihren Wert?
Darüber gilt es neu nachzudenken.
      
Was aber ist hier eigentlich zu sehen?
Zwei sattrote Gummihandschuhe greifen nach zwei Eiern, als seien sie kontaminiert, in die obere Bildhälfte rückt eine Maske mit Stetoskop. Das Gesicht der Wissenschaft? Arbeit, das immerhin wird deutlich, erscheint keineswegs im Kontrast zum Bildtext - als Verfügungsmasse anonymer Mächte. Und der Künstler? Ist er noch immer der eigentliche Repräsentant allseits ersehnter Selbstbestimmtheit?

Fragen Sie Julia von Troschke!
      
Bewegung, Herausforderung, Kommunikation - das sind Schlüsselworte zu ihrem Leben, zu ihrem Werk. Der Mensch - in seiner Spiellust, in seinem Ausdrucksstreben, in seiner Bedrängnis, im Zustand der Be- und Übermächtigung steht im Zentrum ihrer Malerei der Interaktion. Die stetig wachsende Neugier einer Künstlerin ist darin allenthalben zu spüren, die entscheidende Impulse ihrer Tätigkeit am Theater, dem wachen Blick vor allem hinter die Kulissen verdankt, und ihrer Liebe zur pointierten Inszenierung. Julias Bilder zielen auf Effekt, ohne je nach ihm zu haschen. Das Theater ist ihr als Probebühne eines Lebens, das sie insbesondere in seinen Brüchen, Ambivalenzen und Extremen fasziniert, dem sie sich mit großer Experimentierlust immer wieder neu stellt stellt, mit der Lust der Anfängerin im besten Sinn des Wortes.
Leben heißt: Bis zum Ende anfangen lernen!  
      
Was wir hier sehen - rätselhafte Bilder, die einen Anfang bezeichnen ohne je nie einen Punkt setzen, die uns in ihrer kargen Poesie befremden - zeigt indes kaum die Handschrift einer Anfängerin. Während ihres Medizinstudiums und ihrer Arbeit als Bühnen- und Kostümbildnerin am Freiburger Theater, am Berliner Ensemble, an der Volksbühne Berlin und am Schauspielhaus Hamburg, während ihrer Ausbildung in London, und ihrer Zeit in der Toskana immer hat Julia von Troschke gezeichnet und gemalt, und von der Existenz als freier Künstlerin geträumt. In Milano hat sie diesen Traum jetzt eingelöst und ihr wachsender Erfolg in namhaften italienischen Galerien wie "del Millione" gibt ihr Recht. Erstmals stellt Julia von Troschke nun in ihrer Heimatstadt Emmendingen aus, und Ihre Freunde und Bekannte mögen erstaunt sein, von der rasanten Entwicklung, die ihre Kunst in den letzten zwei Jahren genommen hat. Die künstlerische Autodidaktin, das ist unverkennbar, beherrscht ihr Material: Farben, Kupferdraht, textile Fäden, Papier. In seiner Gestaltung überlässt sie nichts dem Zufall, auch wenn es meist  Zufallsfunde - alte Fotos, Stoffreste, überraschende "trouvatis" - sind, an denen ihr kreativer Impuls sich entzündet. Meine Arbeiten, sagt sie, entstehen aus meinem eigenen Stolpern, Überrascht sein, Wundern über die Welt. in meiner Arbeit gibt es mindestens zwei grobe Richtungen, eine abstraktere, konzeptionellere und eine figurative bis illustrative. Die Wahl der Form hängt mit dem Auslöser des Bildes zusammen.
      
Ihre Bilder aber sind klare Setzungen, führen Situationen, Aktionen vor, die auf kein narratives Ganzes, auf keine "story" zielen und dennoch deutliche dramatische Akzente setzen. Der Mensch erscheint auf ihnen als Prototyp existenzieller Gespanntheit, im Dialog, in der Vereinzelung und als silhouettierte Leerstelle. Kleider und Stoffe als Platzhalter menschlicher Befindlichkeit. "Bis aufs letzte Hemd", heißt das in einen Keilrahmen gespannte hauchzarte Drahtgespinst - Fragilität als Fatum. Dagegen die papierene Ballerina scheint Wohlstand und Lebensfreude zu repräsentieren, oder auch nur die Regidität von Rollenbildern. Hinter dem leeren Ballkleid summiert sich eine Sammlung von Wörterbuchnotaten zum Begriff "femina".  
      
Ausgangspunkt der Bilder ist meist das vorgefundene Material, das sie quasi "adoptiert", auf das sie antwortet. Poveres Material zumeist, das keinen Eigenwert beansprucht, ihn bestenfalls durch den Akt künstlerischer Manipulation gewinnt. Etwaige frühre Botschaften, Bedeutungen werden buchstäblich getilgt, leicht Übersehenes gerät - neu akzentuiert-, erst dadurch in den Blick: jene alte Allerweltsfrau etwa, die auf dem italienischen Pressefoto eines Streiks ganz und gar verloren wäre. Im Bild "Lei" nun laufen alle Fäden auf sie zu, als wäre sie die geborene Führerpersönlichkeit, eine echte Heroine.


Die Rolle der Frau und die Rolle der Fäden:
      
Die Fäden als Ballast:
Eine Gesichtslose am Meer zieht sie hinter sich her, wie ein Fischernetz unerfüllter Erwartungen, während sich eine Schwangere aus dem Bild stielt, nur am Nabel mit der übermächtigen Anderen verknüpft.
      
Die Fäden als Kontur:
Sie umreißen die Gestalt einer Frau mit Burka - ein islamisches Madonnenbild mit Irritationsmomenten. Umfasst die Mutter ihr Kind doch wie ein Kätzchen am Hals, als wolle sie es erwürgen. Gewollte Ambivalenz, wie bei jenem auf Jute gestickten Riesenbaby, das in der Linken die Sichel schwingt, einem kleinen Diktator gleich, und das doch mit den Haaren an der abwesenden Gesellschaft fest hängt, wie am Tropf. Kontur auf die Leinwand gestickt, bedeutet immer auch Verletzung.
      
Von Troschkes zarte Fäden - für den unbedarften Blick werden sie leicht zu Fallstricken.
Die aufgenähten blauen Perlen etwa auf der schwarzen Burka bezeichnen ein zwiespältiges Frauenbild, bei dem Schmuck und Fessel Synonyme werden. So auch im Bild hinter mir, auf den ersten Blick nichts als ein Kartoffeldruck. Hier versteckt sich auch die tiefere Bedeutung hinter dem Dekor. Doch zurück zu den Fäden. Am straff gespannten Ariadnefaden ihrer Phantasie führt uns die Künstlerin in eine Sphäre kreativer Verunsicherung, aus der es für den Betrachter im Idealfall kein Entkommen geben soll. Bei aller vermeintlichen Bedeutung unterstreichen die gespannten Linien oft nur reale Beziehungslosigkeit. Nichtkommunikation auch bei den beiden schwarz-weißen Gestalten auf dem Großformat im Obergeschoss. Der einen fährt ein roter Aeroplan in die Brust wie Amors Pfeil, dem anderen prangt auf eben diesem Fleck ein Herz, in dem sich zwei grüne Hühner tummeln. Die Liebe in den Zeiten der Vogelgrippe? Ich wollt ich wär ein …
Nein, nicht schon wieder.  
 
Der Herzensinhalt ist ein Pressebild, denn als Bildgrund dienen alte Zeitungen. Die gedruckten Schriftzüge werden in Farbfenstern sichtbar, scheinen die gemalte Sprachlosigkeit zu konterkarieren, oder doch eher zu illustrieren. Ein Wort fällt in den Blick: "Profani". Das Motto zwischenmenschlicher Tristesse. Lassen Sie mich zum Schluss noch auf jene drei Bilder eingehen, die ich für die Besten dieser Ausstellung halte.
In einem Stofflager ist Julia von Troschke auf bedruckte Textilbahnen mit einem kuriosen Muster aus den sechziger Jahren gestoßen: Flugzeuge im Sturzflug. Den weißen dreiarmigen Riesen, der nach ihnen hascht, als seien sie ein lästiger Fliegenschwarm hat die Malerin gleichsam hinein gedichtet - eine gelungene Chiffre für Vergeblichkeit, die unwillkürlich den 11. September assoziiert, und jenen amerikanischen Bildhauer, der in den Trümmern des World Trade Center nicht nur sein Leben, sondern auch große Teile seines Werks verlor, Arbeiten von visionärer Kraft: modellierte Körper, in die stürzende Flugzeuge dringen. Oder war auch dies nur ein Mythos?
 
Den Namen dieses Mannes habe ich im Internet jedenfalls nicht mehr gefunden. Sehr sprechend auch jene fresköse weiße Silhouette, die unwillkürlich an die Gestalt des letzten Papstes erinnert. Eine goldene Kladde unterm Arm hastet der Kirchenfürst zielstrebig an uns vorbei, aus dem Bild, tut das, was sein reales Vorbild unterließ: Er tritt ab. Der Passierschein für die Ewigkeit ist ihm allemal sicher. Diametral steht dieses karge Bild des strammen Bürokraten zum medial Vermittelten. Vor allem: Bei aller Leere bietet es keinen Raum für projektive Sehnsüchte nach dem "heiligen Vater". Desillusionierung mittels radikalem Minimalismus. Nichts für streng katholische Gemüter.  Das für mich gelungenste Bild Julia von Troschkes spricht uns indes spontan an. Denn wir werden aus ihm heraus fotografiert. Die Gesichter der Fotografen sind Kameraaugen. "re galaci un sorris" verkündet eine Schablonenschrift: "Bitte schenken sie uns ein Lächeln". Darunter klein gedruckt: "Sorriso medio 19, 90" - ein mittleres Lächeln: 19, 90. Wer aber zahlt den unverschämten Preis: Die Fotografen oder die Betrachter, und vor allem: wofür?
 
Gesten der Menschlichkeit, aufgehoben im alltäglichen Tauschwertverfahren?
Schenken Sie, meine Damen und Herren diesen Bildern ein Lächeln, denn gar so bierernst, wie meine humorlose Rede es vermuten lässt, sind sie gar nicht gemeint. Der in ihren versteckte Humor äußert sich mal als Sarkasmus, mal als Burleske, immer aber im Modus des kreativen Spiels - mit den Erwartungen des Betrachters und den Fragmenten einer Wirklichkeit, die der Künstlerin höchst brüchig, irritierend, absurd, in jedem Fall veränderungswürdig erscheint.  

Wünschen wir Julia von Troschke auch in ihrer Heimat den verdienten Erfolg!

Stefan Tolksdorf