Ulrike Weiss

//geträumte räume//

22.6 - 27.7.2014




Vom 22. Juni bis 27. Juli 2014 findet in Emmendingen in der Galerie im Tor die Ausstellung der Freiburger Künstlerin Ulrike Weiss statt.

Einführungsrede 22.06.2014  

Die Ausstellungen von Ulrike Weiss verfolge ich schon seit einiger Zeit mit Spannung und Neugier. Zuletzt ihren Beitrag bei der Regionale 13 zum Jahreswechsel 2012/2013, bei der Ulrike Weiss  in der Kunsthalle Mulhouse vertreten war, die sich mit dem Titel 'zeichnen, zeichnen, toujours, toujours' ausschließlich der Zeichnung gewidmet hat oder auch die  Einzelausstellung 'verborgene verbindungen'  im Badischen Kunstforum, Ebringen im Frühjahr 2013. Im Juli 2013 hat Ulrike Weiss im Kunstverein in Freiburg einen Vortrag über ihre Ägypten-Reise gehalten, bei dem sie von ihrer Spurensuche 'Kunstszene Kairo' berichtet hat - zu einer Zeit, da die Aufstände des arabischen Frühlings Ägypten längst erreicht hatten. Die meiste Zeit des Jahres verbringt Ulrike Weiss aber in Freiburg, wo sie eine Dozentur am Institut der Künste an der Pädagogischen Hochschule hat und nicht weit davon ihr Atelier.

Seit dem Jahr 2000 verbringt sie fast jedes Jahr einige Zeit, meist mehrere Monate in Marokko. Die erste Begegnung mit dem Land ergab sich zufällig auf Einladung der Willi-Baumeister-Stiftung kurz zuvor - ihr erster Eindruck glich den Märchen von 1001-Nacht, die Landschaft, die Märkte, die Architektur, die Moscheen und der Muezzin, der ab morgens in der Frühe zum Gebet ruft,… dieser romantisierte Blick auf das Land hat sich schnell relativiert, abgelöst von einer interessierten und differenzierten Betrachtung. Sie liebt die Lebendigkeit der Märkte, die Offenheit der Menschen, die Kraft der Gestaltung an Gebäuden und in Innenräumen der Häuser, die auch bei den Frauen in ihrer Art sich zu kleiden  wiederzufinden ist und geprägt ist von verschiedenen Einflüssen einer berberisch-arabisch-französischen Kultur  - u.a. durch die Kolonialisierung durch Frankreich von 1911-1956. Diese Einflüsse reichen weit in die Gesellschaft hinein, Marokko ist eine moderne, westlich orientierte Monarchie, die zu 90% gemäßigt islamisiert ist. Frauen leben trotzdem oft noch in der traditionellen Rollenverteilung. 

Mittlerweile reist Ulrike Weiss seit  14 Jahren regelmäßig nach Marokko, für einen Künstleraufenthalt als artist in residence oder als DAAD-Dozentin z.B. in Rabat an der Hochschule für Darstellende Kunst oder am Institut National des Beaux Arts in Tétouan. Sie hat zahlreiche Projekte mit kulturellem oder interkulturellem Bezug umgesetzt, sowohl im Rahmen ihrer Lehraufträge mit Studierenden als auch als Künstlerin in Ausstellungen, zum Teil in Zusammenarbeit mit marokkanischen Künstlern und Künstlerinnen. Eines der spannendsten Projekte, wie ich finde, das Theaterperformanceprojekt von 2003 : 'C'est qoui pour toi la Djellaba, maman?' - 'Was bedeutet die Djellaba für Dich, Mama?' in dem Ulrike Weiss die Tradition und das Tragen der Djellaba, des marokkanischen Kaftans, der in Marokko von Männern und Frauen getragen wird, thematisiert. Schon hier kristallisiert sich die Auseinandersetzung mit dem Frauenbild, der Frauenrolle mit ihren Möglichkeiten von Identität in verschiedenen Kulturen heraus.

Der arabische Raum stand auch im Fokus der documenta 13, insbesondere vor dem Hintergrund des arabischen Frühlings und der damit verbundenen globalen Bedeutung.

Banff, das ägyptische Alexandria, war mit einer Veranstaltungsreihe Teil der documenta, ebenso wie Kabul in Afghanistan. Der Künstler Robin Khan holte die 'Cooperativa Unidad National de Mujeres, West Sahara nach Kassel, wo die Frauen des staatenlosen Volkes durch ihre Anwesenheit gegen "Unsichtbarkeit, Ausgrenzung und Auslöschung" protestierten.

Ulrike Weiss' Kunst ist ausdrücklich nicht politisch oder sozialkritisch gemeint. Ihr Ansatz ist ein viel persönlicherer, der dennoch eine Relevanz für andere hat.

Wohin führen uns die Räume, die gedanklichen Räume, die hier inszeniert sind?

 //Geträumte Räume//, so der Titel der Ausstellung  - Was lässt sich erkennen? Welche Bezüge gibt es? Was wird zitiert? Was bleibt im Verborgenen?

Drei wesentliche Elemente finden wir in der Ausstellung:

  1. Ornamente
  2. Frauenportraits
  3. Und, ich nenne es Leichtigkeit

Auf den ersten Blick stehen wir vor einem Rätsel von Hinweisen, ahnen vielfältige Bezüge, erkennen Ornamente und Symbole, begegnen entfernten Menschengesichtern mit ihren möglichen Geschichten. Etwas Geheimnisvolles mischt sich in die Atmosphäre der Räume, um die Kunstwerke und Installationen.

1. Ornament und Funktion

Das Ornament an sich hat eine wechselvolle Geschichte durchlaufen, die Alois Riegl 1893 in seinen 'Stilfragen' herleitet. Experten können umgekehrt Rückschlüsse von einem Ornament auf Epoche und Herkunft ziehen.  In einer großen Ausstellung in der Fondation Beyeler im Jahr 2001 zeigt der Kurator Markus Brüderlin einen Zusammenhang zwischen Ornament und Abstraktion auf und meint sinngemäß: ohne Ornament - keine Abstraktion.

Überdeckt oder umrahmt sind die Fotografien hier in der Ausstellung von Ornamenten, die aber nicht - wie man annehmen könnte - allesamt aus Marokko stammen, sondern aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten. Eine Vorlage stammt tatsächlich von einem marokkanischen Markt,  doch das Blumenmotiv oberhalb, ist eine Vorlage für Klöppelspitzen, andere Ornamente stammen aus der Türkei.  Das Ornament im Flur, das rankende Blattwerk, das sich zu Phantasiegebilden oder gar Fabelwesen ausbildet, erinnert wiederum an Ornamente der italienischen Renaissance.

Für uns stellt sich die Frage, wie Ulrike Weiss das Ornament verwendet. Es hat gleich mehrere Funktionen in ihren Bildern:

 Es deutet in den Bildern auf unterschiedliche Kulturen z.B. im europäischen Raum oder im arabischen Raum hin

Es steht für den Aspekt des Urweiblichen, wie ich es hier nenne will, indem Alltagsgegenstände, Kleidung, Stoffe, Haus und Hof mit Ornamenten verziert werden oder auch in Handarbeiten umgesetzt werden.

Die dritte Funktion leitet sich aus der Verwendung in ihren Kunstwerken ab:  das Verdecken und Überlagern von Bildebenen in unterschiedlichem Ausmaß - mal mehr in geometrisch horizontal-vertikalen Bahnen, mal in arabesk geschwungener Linienführung, bis fast zur Unkenntlichkeit, so dass teilweise nur ein kleiner Gesichtsausschnitt sichtbar bleibt.

Beispiel: Das Ornament verhüllt die Frauenportraits in aufwendiger Zeichnung  - wie hier (weißes-graues Bild zwischen Fenstern). Im übertragenen Sinn könnte man die Verhüllung als Metapher für die Verhüllung der Frauen im Islam deuten. In diesem Bild hat die Künstlerin nicht nur Ornamente in weißer Tusche als Zeichnung über das Foto gelegt, sondern die Fotografie zusätzlich mit Pailletten bestickt, so dass der Eindruck eines edlen Stoffes  entsteht.

Eine Funktion des Ornaments, die bei Ulrike Weiss nicht auftaucht, ist es die Gestalt des Menschen und von Tieren zu ersetzen. Im religiösen Kontext des Islam - wie übrigens auch

in der christlichen und der jüdischen Religion - gab/gibt es das  Bildverbot bzw. Abbildverbot. Dieses Bildverbot verbietet es, beseeltes Leben, also Mensch oder Tier abzubilden, vor allem im religiösen Kontext, damit der Schöpfungsakt, der dem Göttlichen vorbehalten ist, nicht vom Menschen nachvollzogen wird. Stattdessen werden kalligraphische Schriftzüge, z.B. in arabischer Schrift, und geometrische Muster und Pflanzenornamentik verwendet. 

Das Übertragen der Ornamente mit Tusche und teils mit Schablone  in ihre Bilder beinhaltet aber noch einen weiteren Effekt: Die Vervielfachung ins Unendliche, die Wiederholung an sich und der sich gleichmäßig wiederholende Vorgang des Zeichnens über Stunden, manchmal über Tage, fast wie ein Rhythmus, bewirkt, dass man in eine Art meditativen Zustand eintaucht. In diesen Wiederholungen, in denen sich das Ornament  ausdehnen kann, lässt sich auch die Metapher des Lebens wiederfinden: die ewige Wiederholung, das Auf und Ab….

Im Alter von 65 Jahren las Goethe erstmals die übersetzten Gedichte des persischen Dichters Hafis (ca. 1320-1389). „Er attestierte ihm eine ‚Übersicht des Weltwesens‘ und betrachtete sich fortan als seinen ‚Zwilling‘. Sein Westöstlicher Divan (1809/1819?) ist eine Hommage an den persischen Dichterfürsten wie auch ein poetisches Zwiegespräch über die Länder und Jahrhunderte hinweg.“ 

U n b e g r e n z t.   

 

Daß du nicht enden kannst das macht dich groß,

Und daß du nie beginnst das ist dein Loos.

Dein Lied ist drehend wie das Sterngewölbe,

Anfang und Ende immer fort dasselbe,

Und was die Mitte bringt ist offenbar,

Das was zu Ende bleibt und Anfangs war.              

Goethes Interesse für den Islam scheint allerdings eher philosophisch denn religiös zu verstehen sein. Für ihn sind die monotheistischen Religionen „in ihrem jeweiligen ‚wahren‘ Kern bloß ‚symbolische‘ und insofern ‚poetische‘ Botschaften", wird behauptet.

2. Fotografie - Frauenportraits

Das zweite wichtige Element in dieser Ausstellung ist die Fotografie. Eine Schlüsselrolle in der Ausstellung insgesamt nimmt die Fotografie ihrer Großmutter mütterlicherseits ein, die in diesem linken Drittel dargestellt ist – das Foto spielt eine zentrale Rolle in den "geträumten Räumen", denn:  Auf dem Foto ist sie als Berberin verkleidet. Sie schlüpft in die Rolle der schönen, stolzen Frauen in ihren markanten Gewändern und üppigem Schmuck.

Berber zählen zur Urbevölkerung des nordwestlichen Afrikas. Sie machen mit 80 % der Einwohner den größten Bevölkerungsanteil in Marokko aus.  Anlass dieser Inszenierung war  Karneval. Genau an dieser Stelle trifft die Geschichte der Großmutter auf das Leben von Ulrike Weiss, die Marokko bereist - eine Seelenverwandtschaft? Zufall?

Was hat ihre Großmutter dazu bewogen sich als Berberin zu verkleiden? Welche Seelenverwandtschaft verbindet sie mit Ulrike Weiss?

Als Kontrast dazu hat Ulrike Weiss ein zweites Foto dem der Großmutter gegenüber gestellt, das sie in Istanbul gefunden hat. Eine Türkin sitzt in einem Sessel in europäischer Kleidung, was in wohlhabenden Kreisen für die Zeit, der das Bild zuzuordnen ist, durchaus üblich war. Die Künstlerin legt mit dieser Gegenüberstellung eine Identitätsebene frei, die entgegengesetzt zur kulturellen Herkunft der jeweiligen Person liegt. Hier begegnen sich zwei Frauen, die schon in ihrer jeweiligen Erscheinung zwei Kulturen in sich tragen.

Die Künstlerin überträgt das Prinzip auf andere Fotografien, sammelt Fotografien von Frauen, deren Selbstinszenierung sich von ihrer kulturellen Herkunft unterscheidet. Erkennbar z.B. an der Physiognomie, an der Kleidung oder Umgebung, in der sie fotografiert wurden: Europäisch anmutende Gesichtszüge im nordafrikanischen oder türkischen Raum, die Verkleidung als Berberin im europäischen Raum. Das jeweilige Foto deutet an, wird in der Kunst von Ulrike Weiss zur Projektionsfläche für Leben und Träume, wird zum Auslöser der Imagination.

Die Fotografien findet die Künstlerin übrigens auf Flohmärkten, in Tageszeitungen oder auf italienischen Friedhöfen, auf denen sie Grabbilder von lange Verstorbenen abfotografiert, seltener greift sie auf Familienfotos zurück, wie im Fall der Großmutter.  Betrachten wir die Frauenportraits genauer, stellen wir fest, dass uns die meisten dieser Augenpaare direkt anblicken, sie bleiben jedoch seltsam auf Distanz, so als würden sie etwas zurück halten, verbergen. Ihr Gesichtsausdruck ist eher ernst, zuweilen traurig. Die Anonymität der Unbekannten Frauen und eine zeitliche Distanz, die zwischen heute und der Aufnahme liegt, verstärken die Wirkung als Projektionsfläche. Das Foto wird zum Anknüpfungspunkt an die eigene Geschichte, an andere Lebensgeschichten und Identitäten, Lebensentwürfe und damit auch an Selbsterkenntnis und Möglichkeiten - ohne jedoch konkret entschlüsselbar zu sein.

Identitäten, die Ulrike Weiss interessieren oder die sie entdeckt in den Fotografien, haben meist eine Mischung, in der Orient und Okzident in einer Person zusammen treffen. Ziel ist es, Brüche in der Identitätsinszenierung sichtbar zu machen und das Dahinter, das Verborgene zugänglich zu machen, bei dem es sich oft nur um ein Spiel mit Identitäten handelt.         

Das Paradox: die Großmutter stammte aus einer Familie, die später im 3. Reich auf der Seite der regierungskonformen Nazis stand. Und diese Großmutter inszeniert als Berberin -

Dann gibt es da noch die Großmutter väterlicherseits, es gibt Hinweise, dass sie jüdische Wurzeln hat, sicher herausfinden konnte Ulrike Weiss das bisher nicht. Der Gegensatz wird in diesem Bild symbolisiert durch den Davidstern, der vervielfacht auf das Foto der Großmutter gestickt ist und sich stellenweise zu einem zusammenhängenden Ornament verbindet.

Der Davidstern war übrigens nicht nur Symbol für das Judentum, im Frühmittelalter erwarb das Hexagramm eine abwehrende Bedeutung und wurde gleichermaßen von Muslimen, Christen und Juden als Talisman gegen Dämonen und Feuergefahr verwendet.

Dann zwei Fotografien von vier stickenden jungen Mädchen, Die Szene des Stickens verdoppelt sich hier, im Ausdruck der ornamentalen Motive z.B. der Klöppelspitze, der Handarbeit. Drei von ihnen sind vertieft und unbesorgt, unbeteiligt, allem Anschein nach unschuldig. Nur eine von ihnen stutzt, ist verunsichert, zweifelt vielleicht. Den 4 Mädchen werden zwei Aussagen zugeordnet ähnlich einer Sprechblase: "Davon haben wir nichts gewusst." Und: "Wir haben gemacht, was uns gesagt wurde. Davon haben wir nichts gewusst." Selten wird so deutlich, wie sehr sich Bilder in einer Ausstellung gegenseitig bedingen, wie sehr sie dem jeweils anderen einen Bedeutungskontext zuweisen. Die zweimalige Wiederholung des Motivs scheint fasst wie ein beständiges Murmeln im Hintergrund, das die Bildinhalte der anderen Fotografien nicht dominiert, aber im Hintergrund latent anwesend ist.

Das Kabinett/Raum II

Drei ausgewählte Fotografien werden von Diaprojektoren über frei hängende Spiegel an die Wände projiziert. Markante Gesichter, was erzählen sie, was verbergen sie, was haben sie erlebt, welche Sehnsüchte und Träume haben sie?

Den Spiegel kennen wir aus Märchen, wie z.B. in Schneewittchen als Symbol für Schönheit, aber auch Eitelkeit. Im 18. Jh. War das Spiegelsymbol fast ausschließlich ein religiöses Sinnbild für die Menschenseele, die sich dem Einfluss des Göttlichen öffnet.

Umgedeutet zum Gleichnis der Künstlerseele, in der sich die Welt abbildet, nimmt es in der Kunstauffassung des 18. und 19. Jahrhunderts einen wichtigen Platz ein. Aber erst der im 18. Jahrhundert sich entwickelnde Subjektivismus prägte das Spiegelsymbol um zum Bild des sich selbst betrachtenden und erkennenden Ich. In einer Ecke hängt Radiergaze in mehreren Schichten, mit farbigen Tuschezeichnungen z.B. eines Teppichs.

Treppenhaus

Im Treppenhaus hängen vier Portraits einer Frau, das von einem Ornament auf Folie überzeichnet sind, jedoch in verschieden starker Ausprägung und Form. Das Ornament breitet sich in geschwungener Linie über das Bild aus, bei der die Stiftschwünge Fabelwesen formen, Tiere, ein Vogel vielleicht, ein Drachen, eine kleine Frauenfigur  und an ein-zwei Stellen meine ich arabische Schrift entdeckt zu haben. Das vierte Bild ist etwas abseits gehängt, seitenverkehrt, es greift das Fotomotiv gespiegelt auf und gleichzeitig das Thema des Spiegels. Nehmen Sie sich die Zeit und vergleichen Sie die unterschiedliche Überzeichnung durch das Ornament, die sich in Gewichtung und Formgebung unterscheiden. Was passiert dabei, wie verändert sich die Wirkung?

3. Die Leichtigkeit

Ihre Arbeiten haben immer auch eine Komponente der Leichtigkeit, Durchlässigkeit, etwas Luftiges, Schwebendes. Mir scheint der Tüllstoff, der  im Turmzimmer aufgehängt ist, könnten im nächsten Moment von einem leichten Windhauch bewegt werden. Das Licht scheint von beiden Seiten durch den dünnen, fast transparenten Tüllstoff hindurch. Sonnenlicht betont  die Stofflichkeit des Bildträgers. Die Installation zeigt vage verschiedene Motive, die mit Tusche auf den Stoff gezeichnet sind und nicht sofort erkennbar. Erst mit dem Positionswechsel des Betrachters im Raum werden die Abbildungen sichtbar, bei frontalem Blick scheinen sie zu verschwinden, traumgleich.

Zu sehen sind Abbildungen vor allem von Frauen verschiedener Altersgruppen, in verschiedenen Umgebungen. Hier sind zwei alte Frauen, die an Bahnschienen entlang laufen vor einer Gebirgslandschaft, auf einem anderen Stoff führt eine Treppe nach oben an einer Zypresse vorbei, mehrere Frauen in langen Kleidern und mit verzierten Kopftüchern sind von hinten zu sehen, dann fliegt da jemand in einem Koffer über die Moscheekuppeln und Minarette eines Märchenlands, eine Tänzerin in einem Raum mit Kissen und verzierten Stoffen, eine Frau mit Kopftuch, die auf einem Motorrad fährt. Ein Geschäft mit gemusterten länglichen Paketen, die gefüllt sind, vielleicht Stoffballen. Ein anderes Geschäft, in dem Kleider oder Umhänge auf Kleiderbügeln aufgereiht sind und mittendrin ein doppeltes, gespiegeltes Bild eines jungen Mädchens, das tanzt, ein Mann mit Turban, der sich zur Krone auftürmt sieht ihr zu, Fische schwimmen durch den Himmel - ein Märchenbild?

Traumgleich erscheinen und verschwinden verschiedene Motive einer anderen Kultur, Gegensätze und Facetten überlagern sich, vermischen sich mit Märchenbildern und erinnern uns vielleicht selbst an eigene innere Bilder. Von den Bildern an den Wänden ringsum scheinen die Frauen uns zuzusehen, und wir als Betrachter mittendrin.

Diese Portraits an den Wänden sind in verschiedenen Schichten eingearbeitet und nicht vollständig sichtbar, an manchen Stellen mit Pailletten und Stickerei versehen, die wie Ohrgehänge und kostbarer Schmuck erscheinen. Teils ist es nur eine Tuschespur, die das Abbild eines Gesichts andeutet. Auch hier ist nichts definitiv, die Motive scheinen sich aufzulösen, zu erscheinen und wieder zu verschwinden.

Treppenhaus

An der gegenüberliegenden Wand, da wo Sie die Treppe herauf gekommen sind, hängt  eine andere kraftvolle Arbeit, an der Ulrike Weiss sicher lange gesessen hat: das junges Gesicht einer Spanierin ist fast vollständig bedeckt mit einem Ornament in orangefarbener Tusche. Es klaffen Lücken, in denen der Tuschestrich endet und in einen orangefarbenen Faden übergeht. Halten die Fäden die Verhüllung zusammen? Oder sind sie im Begriff sich zu lockern?

Die Frau zwischen Verhüllung und Befreiung? Zwischen kulturell bedingter Einengung und klarer, geschützter Rollenzuteilung? Die Aussage der Bilder geht darüber hinaus. Es ist ein Ansatz, der mit den Möglichkeiten der Assoziation, der Imagination, der Frauenrollen und -identitäten spielt und sowohl andeutet, welche Anteile an Vergangenem, auch aus vergangenen Generationen, an Wünschen und Sehnsüchten, an tatsächlich Gelebtem, in uns versammelt sind, als auch die Potentiale, die in diesen gedanklichen Selbstinszenierungen liegen. Und sie sind Auseinandersetzung mit anderen Kulturen. Wir können feststellen, dass es kein klares schwarz und weiß gibt, sondern sich viele  Facetten, feine Abstufungen, Überschneidungen und Mischformen und ihre Übergänge zeigen.

Goethe hat an anderer Stelle in seinem West-östlichen Diwan ausgedrückt, was sich in Ulrike Weiss' Bildern wiederfindet:  

"Wer sich selbst und andere kennt / Wird auch hier erkennen: / Orient und Okzident / Sind nicht mehr zu trennen."                                                                                                                                                                     

Paula Seeger


Im Fokus ihrer Arbeit steht das Spiel mir der weiblichen Identitätsfindung. In den unterschiedlichsten Techniken wie Installation, Zeichnung, Collage zeigt sich die enorme Vielseitigkeit der Künstlerin. So werden beispielsweise Frauen - Portraits von alten Grabsteinen in Italien vergrößert und mit filigranen Zeichnungen bedeckt. Die Begegnungen mit der orientalisch geprägten Ornamentkunst in Marokko verarbeitet die Künstlerin ebenfalls in seriellen Arbeiten als poetische und phantasievolle Wiederholungen zeichnerischer Formsprache. Das Träumen von einer anderen Identität – also verborgene, innere Räume – überträgt Ulrike Weiss auf die Gestaltung der Galerie – Räume als „geträumte Räume“.

Bei der Vernissage am Sonntag, den 22. Juni 2014, wird Paula Seeger in die Ausstellung einführen.

Am Sonntag, den 13. 07. 2014, findet um 17:00 Uhr ein Gespräch mit der Künstlerin statt und am Mittwoch, den 16.07. eine Führung um 17:15 Uhr in Zusammenarbeit mit der VHS Nördl. Breisgau.


Die Galerie ist mittwochs von 14:00 – 17:00 Uhr, samstags von 11:00 – 14:00 Uhr und sonntags von 11:00 – 17:00 Uhr geöffnet


Hanne Günther

 

Gespinst der Erinnerungen

Gratwanderung zwischen den Kulturen: Ulrike Weiss’ "Geträumte Räume" in der Emmendinger Galerie im Tor.

                 Von fern grüßt der Orient: Ulrike Weiss Foto: pro

Ulrike Weiss ist eine Wanderin zwischen den Welten: Eine Jahreshälfte in Freiburg, die andere im Orient, vorzugsweise in Marokko, wo die studierte Slawistin mehrere Lehraufträge an Universitäten und Kunsthochschulen innehat. Auch ihre Kunst ist eine Gratwanderung zwischen den Kulturen, zwischen Konkretheit und Andeutung, Ahnung und Wissen, gestern und heute. Es ist ein Spiel mit Identitäten, in dem auch der Betrachter mitunter seinen Standort verliert, sich schließlich fraglos der Verzauberung übergibt, angesichts fast geisterhaft fremder Gesuchter, die aus einer fernen Vergangenheit aufzutauchen scheinen.

Schleierhafte Transparenz


In dem Gespinst der Erinnerungen, dem die Künstlerin ein graziles orientalisches Ornament unterlegt – in zarten Textilfäden, schwarzen oder weißen Tuschelinien. Es sind die Gesichter von Toten, die Ulrike Weiss auch in ihrer neuen Ausstellung in der Emmendinger Galerie im Tor derart ver- und entschleiert. Das Gesicht ihrer Großmutter etwa, als junge Frau, die sich als überzeugtes "deutsches Mädel" auf einem Kostümball als Orientalin kleidet, während auf der rechten "Tafel" des übermalten Foto-Triptychons eine Türkin der dreißiger Jahre in westlicher Kleidung posiert.

Auf dem mittleren Blatt suggeriert ein Vorhang den verborgenen Blick hinter die Kulissen. Mit dieser Aura des Geheimnisvollen spielt Ulrike Weiss auf subtile Weise, wobei sie unsere Klischees zugleich aufruft und konterkariert. "Schleierhafte Transparenz" – in diesem Widerspruch liegt der Reiz ihrer Kunst. So präsentiert sie im Obergeschoss der Galerie auf feiner Gaze ein irritierendes Gespinst von Bildern aus Medien und Orient-Kunstmärchen, wie etwa Hans Christian Andersens "Der fliegende Koffer". Vis-à-vis die in Teppiche gewickelten Opfer eines islamistischen Terroranschlags.

In vermeintlichem Orientalismus enthüllt sich der Schrecken. Ulrike Weiss will irritieren, aber auch verzaubern.Ihre Bildvorlagen findet sie auf Flohmärkten und auf Friedhöfen in Kairo oder Italien, wo den teils hochbetagt Verstorben in Fotos gedacht wird, die sie als junge schöne Frauen zeigen. Das Thema der weiblichen Identität rückt hier in den Blick, aber auch jene traumhafte, wohl nur im Modus des Spiels und des tiefen Erinnerns mögliche Transzendierung der Zeit. Ulrike Weiss liebt das Geheimnis und die Ästhetik des Ornaments. Ihre schwarzweißen Frauengesichter tauchen aus der nebulösen Tiefe eines gleichsam bewusstlosen Erinnerns und rühren an etwas, für das die Worte fehlen. Allzu leicht könnte eine solche Inszenierung Absicht und Effekt entlarven, aber Ulrike Weiss gelingt zumeist die sensible Gratwanderung. Idealerweise entsteht daraus visuelle Poesie.

 

Di, 15. Juli 2014

Veröffentlicht in der gedruckten Ausgabe der Badischen Zeitung

von Stefan Tolksdorf